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Homöopathie und Anthroposophie – geht das zusammen?

Dr. Samuel-Rudolf Hahne-Steinermann?

In unserem kürzlich erschienen Beitrag zum Thema "Meditonsin" war erwähnt, dass es sich nach Angaben des Herstellers um ein "homöopathisch / anthroposophisches" Heilmittel handle. Das hat nicht nur zu vielen Aufrufen  unseres Anthroposophie-Artikels geführt (danke!), sondern auch zu einer Reihe direkter Anfragen, was denn nun das eine mit dem anderen wirklich zu tun habe. Diese Frage wollen wir gern versuchen zu beantworten.

Hahnemann sprach von Homöopathie als der "rationalen Heilkunde" und fühlte sich als Teil der wissenschaftlichen Welt seiner Zeit. Ohne Zweifel verstand Hahnemann sein Handwerk nach den damaligen Maßstäben und hatte durchaus die Absicht, seine Lehre rational zu begründen, wozu ihm allerdings die Beweisgrundlagen damals fehlten. Seine Postulate des Simileprinzips (Ähnliches heilt Ähnliches) und der geistigen Lebenskraft haben zweifellos esoterischen Charakter, beziehen diesen aber aus der Vergangenheit. Die heutigen Vertreter der homöopathischen Szene leugnen diese Herkunft zwar nicht offen, aber es ist eines ihrer großen Anliegen, der Homöopathie einen Platz im anerkannten wissenschaftlichen Kontext zu verschaffen. Genau darauf zielen all die Versuche ab, eine Wirkung der Homöopathie sozusagen "nachträglich" auf naturwissenschaftlicher Grundlage nachzuweisen (was nicht nur misslingen muss, sondern mangels Nachweis einer Wirkung überhaupt ohnehin einigermaßen sinnfrei ist). Aber: Der Anspruch, eine wissenschaftliche Methode zu vertreten, der ist vorhanden bei den Homöopathen. Nichts würde sie glücklicher machen, als dies zu erreichen.

Und bei den Anthroposophen? Bei der Anthroposophie handelt es sich um eine gänzlich auf okkult-esoterischen Dingen aufbauende Lehre, die -hundert Jahre nach Hahnemann- völlig neu begründet wurde, und zwar durch eine einzelne Person, Rudolf Steiner. Seine Lehren gehen im Kern auf "hellseherische Eingebungen" zurück, der "okkulten Schau" der berühmten Akasha-Chronik, die Steiner alle Weltgeheimnisse offenbart haben soll. Wissenschaftlichkeit im üblichen Sinne des Wortes beansprucht die Anthroposophie gar nicht, sie sieht sich vielmehr selbst als "die" Wissenschaft, die komplett an die Stelle der "klassischen" Wissenschaft treten will, mit eigenem Welterklärungsanspruch. Sie bezeichnet sich selbst als "Geisteswissenschaft". Aber nicht in dem Sinne, wie Geschichte, Sprachen oder Philosophie Geisteswissenschaften sind, sondern im Sinne der "wirklichen, wahren Wissenschaft", deren Grundlage die "geistige Schau" ist und nicht die naturwissenschaftliche Methode. Alle Ausdeutungen der anthroposophischen Lehre, auch die anthroposophische Medizin, greifen im Kern auf Steiners esoterische Weltschau zurück und bedienen sich nicht fassbarer esoterischer Grundgedanken, sind also als scheinwissenschaftlich einzuordnen.

Nach der Steinerschen Lehre ist das harmonische Zusammenwirken der vier „Wesensglieder“  bestimmend für Gesundheit und Krankheit eines Menschen. Voraussetzung für eine solche Harmonie ist ein spirituelles Leben nach anthroposophischen Vorstellungen und Regeln. Krankheit entsteht,  wenn das harmonische Gleichgewicht der Wesensglieder zueinander gestört ist. Wir sehen - so weit ist die Anthroposophie von den fernöstlichen Vorstellungen einer gestörten Lebensenergie (Chi, Ki) gar nicht entfernt. Ebensowenig fehlt der Aspekt, den Kranken für seine Krankheit selbst verantwortlich zu machen, da er wohl nicht genug für sein eigenes persönliches Gleichgewicht tue (sprich die Anweisungen der Lehre nicht ausreichend befolge) - ein besonders verwerflicher Aspekt okkulter Krankheitslehren. Zu den Mittelfindungen der Anthroposophie haben wir weiter unten einen guten Beitrag von Dr. Colin Goldner verlinkt.

Was heißt das nun für die Medizin? Hahnemann trat mit dem Anspruch auf, durch Versuche (die Arzneimittelprüfung am Gesunden) herauszufinden, welche Dinge als Urstoffe für seine homöopathischen Arzneien geeignet seien. Ein durchaus naturwissenschaftlich orientierter Ansatz, zweifellos, den haben die Homöopathen auch immer stolz als den "empirischen Teil" ihrer Methode hochgehalten. Leider ist er -wegen der völligen Subjektivität seiner Ergebnisse- natürlich ungeeignet für einen sinnvollen Erkenntnisgewinn. Aber der Unterschied zu Steiners Lehre wird hier sehr deutlich: Hahnemann versuchte eine naturwissenschaftliche Positionierung unter den Bedingungen seiner Zeit, die esoterischen Anwandlungen in seiner Methode sind Rückgriffe auf frühere Vorstellungen mangels anderer Erklärungsmodelle. Bei der Anthroposophie ist es grundlegend anders. Dort wird aus einem ganz neu entwickelten okkult-esoterischen Grundbestand an Ideen und Vorstellungen alles mögliche herausentwickelt - auch ein medizinischer Ansatz. Ohne dass Steiner irgendwelche medizinische Vorbildung besessen hätte. Anthroposophische Medizin war eben ein Teil der Gesamtlehre,  aus ihr entsprungen, nicht anders als beispielsweise anthroposophische Pädagogik. Ganz nebenbei - in der anthroposophischen Lehre hat die Impfung keinen Platz, weil bestimmte Steinersche Grundsätze ihr entgegenstehen.

Man könnte also sagen, Homöopathie und anthroposophische Medizin haben gar nichts miteinander zu tun. Weshalb stehen aber nun trotzdem auf vielen Mitteln die Bezeichnungen "homöopathisch / anthroposophisch"?

Die Zubereitung vieler (der meisten) nach anthroposophischen Grundsätzen "gefundenen" Mittel werden nach den Potenzierungsgrundsätzen Hahnemanns zubereitet, deshalb findet man auch die üblichen Potenzangaben in den Produktinformationen (D4, C30 usw.). Warum? Wahrscheinlich, weil der esoterische Ansatz eine Dosis-Wirkungs-Beziehung nicht braucht, zum anderen aber auch aus dem gleichen Grund, aus dem Hahnemann zur Potenzierung fand: Zur Sicherheit. Denn auch bei der Anthroposophie werden Ausgangsstoffe verwendet, die bei relevanten Mengen der Gesundheit wohl wenig zuträglich wären. Was lag also näher, als sich bei dem Problem, die eigenen Anhänger nicht zu vergiften, beim fertigen Gedankengebäude Hahnemanns zu bedienen?

So finden sich heute von den einschlägigen Herstellern Mittel in den Apothekenregalen, bei denen Grundstoffe nach anthroposophischen (okkulten) Grundsätzen festgelegt wurden (Hahnemann hätte vermutlich nach Atem gerungen), die Zubereitung aber nach homöopathischen Grundsätzen vorgenommen wurde. Dazu dürfte auch das Quecksilbercyanid im Meditonsin gehören. Was für eine Kombination. Wundern Sie sich also, liebe Leser, über nichts mehr...

Zum Weiterlesen:

Colin Goldner über anthroposophische Mittel und ihre Bezüge:
http://www.sueddeutsche.de/wissen/teil-anthroposophische-heilkunde-offenbart-in-mystischer-schau-1.927047

Anthroposophische Medizin als okkulte Methode ohne Wirkungsnachweis:
http://www.miz-online.de/Archiv/3-03/Anthroposophische-Medizin

 

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