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Apotheker, PTA und der Kampf um die Evidenz

Liebe Leserinnen und Leser,

die Rolle der Apotheken im Zusammenhang mit der Verbreitung von Homöopathie und anderer Pseudomedizin ist nicht zu unterschätzen - nicht im Positiven und nicht im Negativen. Das haben wir schon einige Male thematisiert. Nach dem Interview mit #DerApotheker freuen wir uns, heute einen persönlichen Bericht eines Pharmazeutisch-Technischen Assistenten veröffentlichen zu dürfen, der verständlicherweise anonym bleiben möchte:

Apotheker, PTA und der Kampf um die Evidenz

Jeden Tag gehe ich in die Apotheke, meinen Arbeitsplatz. Ich begrüße freundlich meine KollegInnen, ziehe meinen weißen Kittel an und bin bereit – bereit für meine Aufgabe: für evidenzbasiertes Arbeiten auf der Grundlage belegbaren Wissens. Sei es im Labor, wenn ich mir überlegen muss, wie ich ein speziell verordnetes Medikament herstelle, damit z.B. der Wirkstoff stabil und das Arzneimittel trotzdem lange haltbar bleibt. Da gibt es nur einen richtigen Weg, keine „Alternativen“. Oder sei es - vor allem - die Beratung und Aufklärung meiner Kunden, manchmal sind es auch regelrechte „Patienten“, die auf die Kompetenz ihrer Apotheke vertrauen. Meine Aufgabe ist es, diese nach bestem Wissen und Gewissen auf der Grundlage meiner wissenschaftlich fundierten Kenntnisse zu beraten und aufzuklären, damit ich zum einen Schaden von ihnen abwende und zum anderen Heilung zufüge.

Wir in der Apotheke sind sozusagen Verbraucherschützer der besonderen Art – sollte man meinen und hoffen. Denn wir sind eigentlich die, die Expertise in der Pharmakologie haben, also das Wissen um die Wechselwirkung zwischen Arzneimitteln und Mensch. Sicher gibt es Unterschiede, in welcher Qualität dieses Wissen angewendet wird - dennoch haben alle, die in der Apotheke Kunden über Arzneimittel beraten, eine abgeschlossene pharmazeutische Ausbildung. Seien es die ApothekerInnen (Studium) oder die Pharmazeutisch-Technischen AssistentInnen, die PTA (Ausbildung). Wir alle kennen die Grundsätze z.B. des Dosis-Wirkungs-Prinzips, der Bioverfügbarkeit, die „area under the curve“ und andere wichtige Parameter der Pharmakologie. Erst durch die Gesamtheit dieser Kenntnisse und Informationen entsteht beim Fachkundigen das Wissen darüber, wieso beispielsweise 200 mg Ibuprofen in der Regel viel zu wenig sind, um einen 90 kg schweren Menschen von akuten Schmerzen zu befreien.

Klingt doch eigentlich ganz schön. Wieso das aber oft nicht der Realität entspricht, erkläre ich euch weiter unten. Und noch ein Hinweis: der folgende Text soll kein Apothekenbashing sein und trifft selbstverständlich nicht auf alle die vielen deutschen Apotheken und ihre engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu, die ordentlich beraten und Aufklärung leisten. Danke hierfür!

Es fehlt oft - an grundlegendem Verständnis

Was seltsamerweise auch vielen studierten KollegInnen in der Apotheke fehlt, ist ein grundlegendes Verständnis von Wissenschaft. Was bedeutet „Wissenschaft“? Warum ist Wissenschaft eine „Methode“? Wie funktioniert sie? Was ist Falsifizierung? Was ist Evidenz? Was sind doppeltverblindete, multizentrische und placebokontrollierte Studien? Wieso ist die Aussage „Aber mir und ein paar anderen hat es geholfen!“ völlig bedeutungslos? Fehlendes Verständnis für diese Grundlagen ist deswegen seltsam, weil unsere Ausbildung auf naturwissenschaftlichem Fundament steht. Die Pharmazie ist sogar eine interdisziplinäre Wissenschaft aus Chemie, Physik, Biologie und Medizin. Da sollte man doch meinen, dass man sich  mit Wissenschaft und Wissenschaftlichkeit beschäftigt hat!

Nun gut. Das sind diejenigen, die ein naturwissenschaftliches Studium absolviert haben. Was aber ist mit den PTA, die einen Ausbildungsgang durchlaufen haben?

Mir sei erlaubt, mit einem subjektiven, aber vielfach bestätigten Eindruck zu beginnen: PTA sind gefühlt offener für die „guten alten“ und „holistischen (scheinbar ganzheitlichen) Alternativen“ namens Homöopathie, Schüßler-Salze, Bachblüten, Anthroposophie, Detox, basische Ernährung, Spagyrik etc., die – es sei gleich gesagt – keine wissenschaftliche Evidenzbasis haben. Aber warum?

Es fängt in den PTA-Schulen an, Berufsfachschulen, die von unterschiedlichen – privaten – Trägern betrieben werden. Dort wird, wenn überhaupt, meist nur an der Oberfläche gekratzt, wenn es um die Grundsätze der Wissenschaft geht. Die notwendigen Grundlagen, die ganz an den Anfang gehören, werden offenbar in der schulischen PTA-Ausbildung einfach nicht vermittelt.

Weiter geht es im sechsmonatigen Praktikum in einer Apotheke während der Ausbildung. Im schlimmsten Fall landet man in einer auf Homöopathie spezialisierten Apotheke (davon gibt es sehr viele), so wie ich damals. Die netten älteren KollegInnen, die seit gefühlt 25 Jahren keine ordentliche Studie mehr gelesen haben und völlig aus der Pharmakologie raus sind, reden dann auf den unerfahrenen Auszubildenden ein, wie wunderbar und wirksam Homöopathie und Co. doch seien. Als Azubi glaubt man natürlich erst mal das, was die erfahrenen (leider oft eher festgefahrenen) KollegInnen von sich geben. Was bleibt einem anderes übrig - man hat einfach keine Ahnung und weiß, wenn überhaupt, nur sehr wenig von dieser Materie.

Landet man nach der Ausbildung in einer homöopathieaffinen Apotheke, geht das Spiel weiter. Die Fehl- und Desinformation gerät in eine Bestätigungsschleife, das Wahrnehmungsfenster schließt sich völlig, die Vorurteile bleiben bestehen, denn man hat im schlimmsten Falle noch nie valide Gegenargumente gehört – Mikrokosmos Apotheke.

Und durch Fortbildung wird es auch nicht besser – nicht durch Veranstaltungen, die von den Herstellern unwirksamer Mittel gesponsert oder sogar durchgeführt werden, und nicht durch PTA-Fachjournale, die leider auch nicht gerade mit durchgängiger Evidenzbasierung glänzen, sondern „schwarz auf weiß“ Unwissenheit und Vorurteile oft noch verfestigen.

Und was passiert dann vor Ort?

Wieso aber empfehlen auch studierte ApothekerInnen oftmals nachweislich nicht-wirksame Produkte, obwohl sie doch während ihres Studiums viel mehr mit den wissenschaftlichen Grundlagen zu tun hatten? Ich gestehe: Diese Frage beschäftigt – und irritiert mich. Mir kommt es oftmals so vor, als schalte man da das Gehirn einfach aus. Es wird einfach nicht mehr genügend nachgedacht und selbstkritisch reflektiert. Einmal heißt es gegenüber dem Kunden: „Die Wirkung dieses Medikamentes ist wissenschaftlich nachgewiesen und es ist sogar Mittel der Wahl in der medizinischen Leitlinie. Meine gute Empfehlung für Ihre Beschwerden!“ Minuten später empfiehlt der bzw. die Gleiche dann aber oft - womöglich im gleichen Beratungsgespräch - ein nachgewiesenermaßen nicht-wirksames Produkt, z.B. ein Homöopathikum, um das „Immunsystem zu stärken“. Geht´s noch? Da stellt sich mir tatsächlich immer die Frage, wie es möglich ist, dass man sich sozusagen in einem Atemzug zuerst auf die Wissenschaft beruft und unmittelbar darauf genau diese ignoriert, um nicht zu sagen verleugnet.

Wozu man wissen muss: Die Informationen dazu sind verfügbar – erst recht in einer Apotheke! Bei vielen Dingen ist die Unwirksamkeit sozusagen ohnehin schon so etwas wie Allgemeingut, und Datenbanken für evidenzbasierte Studien, seriöse Fachjournale, verlässliche Gesamtüberblicke wie z.B. der Cochrane Collaboration (der weltweit führenden Organisation für evidenzbasierte medizinische Wissenschaft) sind schneller und leichter zugänglich als je zuvor!

Tut mir leid, aber angesichts dessen muss ich euch, liebe so handelnde Kolleginnen und Kollegen, fragen: Wenn die Wissenschaft schlicht ignoriert wird, wenn sie eurer „Wahrnehmung“ nicht entspricht: Wieso ignoriert ihr sie dann nicht gleich komplett? Diese Zwiespältigkeit ergibt für mich keinen Sinn.

Tatsächlich erlebe ich sehr selten, dass Homöopathie und Co. aus Gewinnstreben empfohlen werden. Zumindest bei den Apotheken, in denen ich bisher gearbeitet habe, war das durchaus nicht der Fall. Da wird offensichtlich an die Wirkung geglaubt – leider auch an Dinge wie kosmische Strahlen, Mondstellungen, angebliche Energien und Vergiftungen jeder absurden Art. Da fragt man sich schon, was eigentlich schlimmer ist.

 Aber das müssten doch alle einsehen?!?

Sollte man meinen. Aber meine Erfahrung ist eine andere: Falls man doch einmal in der eigenen Apotheke oder im übergreifenden Kollegenkreis etwas gegen die Homöopathie und andere Verfahren sagt, trifft man entweder auf taube Ohren oder wird angegiftet. Ich nehme trotzdem mittlerweile kein Blatt mehr vor den Mund und nutze jede Gelegenheit, ein Argument anzubringen. Ja, ich habe ein ernsthaftes, auch ganz persönliches Problem mit der Beratungsqualität meiner KollegInnen in solchen Apotheken. Ganz zu schweigen von noch schlimmeren Auswüchsen, z.B. wenn die BeraterInnen in der Apotheke nebenbei noch Heilpraktiker sind und anfangen, Arzt zu spielen, Antlitzdiagnosen stellen, weil der Patient angeschwollene Augenlider hat, gar die Therapie des behandelnden Arztes in Frage stellen, dem geplagten Patienten etwas über basische Haut irgendwelcher Ureinwohner ferner Kulturen erzählen, usw. Ja, auch das gibt es.

Doch egal wie man es anstellt – nach meiner Erfahrung ist im ungünstigen Fall der Mikrokosmos Apotheke, einmal kritiklos eingeschworen auf Beliebigkeit und Gefühle statt wissenschaftlicher Evidenz, undurchdringlich. Keine Chance!

Zwischen Ehrlichkeit und Geschäft

Das Vorurteil, die Apotheke will ja nur Geld verdienen, ist keines – denn es stimmt ja. Wieso auch nicht? Apotheken sind Geschäftsbetriebe mit Kosten, die durch Erlöse ausgeglichen, besser noch übertroffen werden müssen. Eine schlichte Existenzfrage. Und die Rahmenbedingungen, unter denen sich das abspielt, haben sich in den letzten Jahren auch nicht gerade verbessert. Wer hat nicht in seinem Wohnumfeld schon erlebt, dass eine Apotheke aufgegeben oder keinen Nachfolger gefunden hat?

Wirtschaftliches Verhalten ist also angezeigt – erzeugt aber in einer Apotheke ein besonderes Spannungsfeld. Manche Chefs fordern offen von den Angestellten, einen gewissen „Mehrumsatz“ zu leisten, oftmals gibt es deswegen sogar richtig Stress mit dem Vorgesetzten, weil die Zahlen nicht stimmen. Da wird der Angestellte nach einem Kundenkontakt manchmal sogar ins Büro des Chefs zitiert, nur um sich zu rechtfertigen, wieso man dem Kunden nichts zusätzlich zu seinem Rezept verkauft bzw. angeboten hat. Zum Glück ist das allerdings nach meiner Erfahrung nicht die Regel. Der Wunsch nach Mehrumsatz ist aber auf keinen Fall ein Grund, unwirksames Zeug an den ohnehin oft schon genug geplagten Patienten zu bringen. Es gibt genügend freiverkäufliche Medikamente und Produkte, die dem Patienten zusätzlich wirklich von Nutzen sein können, je nach Klinik, Beschwerdebild, Kontraindikationen usw. Und wenn es gegen das Problem des Patienten oder zu einer sinnvollen Unterstützung kein freiverkäufliches Präparat gibt, dann gibt’s eben keins! Und dann ist das auch kein Grund, vertrauensvollen Patienten etwas von den leider genug in den Regalen vorhandenen wirkungslosen „Alternativen“ unter dem Etikett eines sinnvollen Mittels anzudrehen – mit der Autorität einer Apotheke, laut Gesetz einer „eigenständigen Säule des Gesundheitssystems“.


Wir vom Susannchen-Team sagen sehr herzlich danke für diesen bedenkenswerten Bericht. Ganz abgesehen davon, dass im speziellen Fall der Homöopathie der gesetzliche Schutzzaun - und damit die Apothekenpflicht - fallen muss, wird man die Ursachen für die geschilderten Probleme wohl in erster Linie in der Ausbildung des Apothekenpersonals verorten müssen. Sei es im nicht ausreichend wissenschaftlich ausgeformten Pharmaziestudium, sei es in den PTA-Ausbildungen in Berufsfachschulen in unterschiedlichster Trägerschaft. Und was die Fortbildung angeht, so muss man wissen, dass eine solche für Apothekenpersonal empfohlen, aber nicht verpflichtend ist. Was Wunder, dass die vorhandenen Freiräume von den Herstellern evidenzfreier Produkte weidlich ausgenutzt werden.

Es gibt offensichtlich viel Handlungsbedarf, um den Gedanken der evidenzbasierten Medizin auch in den Apotheken zu verankern.


Bildnachweise: Fotolia_143227125 / Pixabay Creative Commons Lizenz CC0 / Eigenes Meme


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