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Wichtig – Die HPV-Impfung – auch für Jungen!

 

Liebe Eltern,

heute möchten wir unseren Beiträgen zum Thema Impfen einen weiteren, nach unserer Auffassung sehr wichtigen, hinzufügen: Zur Impfung gegen das Humane Papillom-Virus, als HPV-Impfung bekannt. Seit 2007 auf dem Markt, in Deutschland bislang noch längst nicht ausreichend angenommen. Und - die HPV-Impfung ist genau für die heutige Grundschüler-Generation wichtig. Eltern sollten deshalb gut informiert sein.

Die HPV-Impfung gehört zu den vergleichsweise "neueren" Impfungen. Der Weg bis zur heutigen ausgereiften Impfung mit dem Präparat "Gardasil 9" war manchmal ein wenig holprig.  Warum das so war und wie der Stand der Dinge heute ist, das ist eine spannende Geschichte, die wir Ihnen gerne erzählen möchten. 

Das Virus und die Folgen einer Infektion

Das HPV-Virus in seinen Varianten (dazu unten mehr) ist inzwischen überführt, der wesentlichste Auslöser von Gebärmutterhalskrebs zu sein. Bis 1971 die Krebsvorsorge-Früherkennungsuntersuchungen eingeführt wurden, war der Gebärmutterhalskrebs eine der häufigsten Krebserkrankungen bei Frauen. Mit der Einführung der Vorsorgeuntersuchungen ging die Zahl der Erkrankungen wesentlich zurück. Warum?

Die Krebserkrankung selbst ist nämlich eine Spätfolge der Infektion mit dem Humanen Papillom-Virus, das letzte Stadium. Vorher zeigen sich sehr eindeutige Vorstadien, die durch die Krebsvorsorge erkannt und behandelt werden können (auch wenn selbst das alles andere als wünschenswert ist - so kann ein solches Stadium durchaus auch zu dauernder Unfruchtbarkeit führen).

Nur eine von zehn Frauen hat im Laufe ihres Lebens keinen Kontakt mit dem HPV-Virus. Von diesen 90 Prozent entwickeln etwa zwei Drittel eine Infektion. Längst nicht jede HPV-Infektion führt zu einer manifesten Krebserkrankung, die meisten heilen folgenlos aus. Damit die Krankheit ausbricht, müssen auch andere Faktoren hinzukommen. Aber: Neunzig Prozent aller Frauen, davon zwei Drittel, die eine Infektion entwickeln, davon zwei bis drei Prozent, die ins maligne Spätstadium geraten, davon wieder eine gewisse Todesrate - da kommt dann schon einiges zusammen, wie man so sagt. Um eine Zahl zu nennen: Im Jahr 2007, als die HPV-Impfung ihren Start hatte (und lange nach Einführung der Früherkennung), starben europaweit noch rund 15.000 Frauen am Gebärmutterhalskrebs.

Ziel war demgemäß seit jeher, Infektionen mit dem HP-Virus von vornherein zu verhindern. Virus... da war doch was... Antikörper... Impfen! Richtig!

Der Impfstoff und seine "Story"

Und damit beginnt die spannende, nicht ohne Ecken und Kanten daherkommende  Geschichte der HPV-Impfung, von der wir jetzt erzählen möchten. Wir möchten damit einmal mehr um Vertrauen für die Fähigkeiten und auch die Integrität der Wissenschaft werben, zudem den Positionen der Impfgegner entgegentreten und auch Sie, liebe Eltern, mit etwas Rüstzeug für Diskussionen ausstatten. Bekannt geworden ist die HPV-Impfung als "Impfung gegen Krebs", was so nicht richtig ist - natürlich wirkt die Impfung gegen eine Infektion mit dem Virus, nicht gegen die malignen Entwicklungen im Spätstadium einer Infektion.

Im März 2007 wurde von der Ständigen Impfkommission sozusagen "von heute auf morgen" die damals noch fachlich intensiv diskutierte HPV-Impfung in die offiziellen Impfempfehlungen aufgenommen. Das erstaunte und irritierte damals viele Fachleute. Und wie das Leben so spielt - ebenfalls 2007 wurde der damalige Vorsitzende der Impfkommission Preisträger des "Helmut-Stickl-Preises für besonderes Engagement zur Förderung des Impfgedankens". Mit 10.000 Euro dotiert und -peinlicherweise- gestiftet ausgerechnet vom Impfstoffhersteller Sanofi... Und um das Geschmäckle komplett zu machen, wechselte der StIKo-Vorsitzende kurz darauf aus seiner universitären Lehrtätigkeit zum  Impfstoffhersteller Novartis.

Sowohl die fachlich damals nicht unumstittene Impfempfehlung an sich als auch der Vorgang um den ehemaligen StIKo-Vorsitzenden führten zu ziemlich heftigen Protesten aus der Wissenschaftsszene. Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) hat daraufhin von der (unter neuem Vorsitz arbeitenden) StIKo verlangt, eine Neubewertung der Impfempfehlung vorzunehmen. Gleichzeitig wurde das Problem der nicht offengelegten Interessenkonflikte angegangen - wodurch sich herausstellte, dass nur eine Minderheit der StIKo-Mitglieder keine Interessenkonflikte hatte. Heute ist das anders, und alle noch bestehenden Interessenkonflikte sind öffentlich auf der Webseite des Robert-Koch-Institutes dokumentiert.

Das riecht ja nun erstmal einigermaßen unangenehm. Aber die Frage, ob hier wirklich jemandem ein Nachteil entstanden ist, lässt sich nicht so einfach beantworten. Hier gibt es natürlich für Impfgegner einen Einhakpunkt - auf dem sie bis heute herumhacken. Aber: Nicht die Impfgegner haben die Interessenkonflikte aufgedeckt, das war der Wissenschaftsbetrieb mit seinem System der gegenseitigen Kontrolle! Er hat damit unter Beweis gestellt, dass dieses System nicht nur dazu taugt, Fehlentwicklungen im Elfenbeinturm aufzudecken, sondern auch ganz handfeste Verwicklungen im "richtigen Leben".

Und: Vor allem kommt es doch darauf an, dass zunächst einmal die Interessenkonflikte in der StIKo nicht das Geringste darüber aussagen, was nun wissenschaftlich-fachlich von der HPV-Impfung zu halten ist. Wie fatal wäre es, wenn der medizinische Hintergrund völlig in Ordnung ist, er aber wegen einer Geschichte, die mit ihm direkt gar nichts zu tun hat, zu Fall gebracht würde!

Siehe da: Nach intensiver Befassung der StIKo mit der Sache und der Anhörung externer Fachleute wurde die Impfempfehlung von 2006 keineswegs aufgehoben, sondern ausdrücklich aufrechterhalten! 2009 wurde sie nochmals bestätigt,  2014 wegen der rasch fortgeschrittenen Forschung aktualisiert. Einen Grund, die ganze Sache zu beenden, gab es aus medizinisch-wissenschaftlicher Sicht einfach nicht.

Letzter Stand der Dinge: Im Sommer 2015 hat die EU einen weiteren HPV-Impfstoff zugelassen: Gardasil 9. Er richtet sich nicht nur gegen die bisher angesprochenen Hochrisikotypen des Virus, sondern auch noch gegen fünf weitere Papillomvirus-Typen (HPV 31, 33, 45, 52 und 58). Diese können sowohl an der Entstehung eher harmloserer Zellveränderungen beteiligt sein als auch an der Entstehung von Krebs, sogar anderer Krebsarten als dem Gebärmutterhalskrebs, und damit einen weitaus größeren Schutz als bieten als die alten Impfstoffe.

Damit ist auch gleich wieder ein lange sehr beliebtes Argument der Impfgegner erledigt, die immer wieder angeführt hatten, die schmalbandige Impfung gegen die Grundtypen des Virus "lohne" sich nicht, weil es kein angemessenes Nutzen-Risiko-Verhältnis gegeben habe (was so auch nie stimmte). Die schlimmsten Gerüchte waren die über plötzliche, symptomfreie Todesfälle, die angeblich nach HPV-Impfungen aufgetreten sein sollen. Die entsprechenden Untersuchungen haben weder das Vorliegen solcher Fälle bestätigt noch konnte irgendein schlüssiger Wirkungszusammenhang dargestellt werden. In den großen Studien zu Gardasil sind solche Fälle auch niemals aufgetreten.

Der Markenname "Gardasil" ist von der Impfgegnerschaft zeitweilig zu einem regelrechten Reizwort hochstilisiert worden, mit dem Versuch, gerade an diesem Impfstoff die "Gier der Pharmaindustrie" durch den Verkauf "unnötiger Impfungen" zu demonstrieren. Um es nochmals deutlich zu sagen: Natürlich entwickelt die Pharmaindustrie Gardasil nicht kostenlos. Wie beim Bäcker und beim Fliesenleger ist für eine Leistung natürlich auch eine Bezahlung fällig. Es kommt aber auf den gesamtwirtschaftlichen Nutzen an. Dazu liegen aber gerade für Gardasil recht genaue Untersuchungen der Europäischen Arzneimittelzulassungsbehörde vor, die auf der Basis gut bekannter empidemiologischer Daten einen klaren wirtschaftlichen Vorteil für die Gesundheitssysteme durch die Einführung der Gardasil-Impfung prognostizieren - was letztlich auch wirtschaftlich den Kassen und den Beitragszahlern zugute kommt.

Die letzten Zweifel an der Wirksamkeit und Effektivität wurden in einer großen abschließenden Untersuchung ausgeräumt, die gezeigt hat, dass die Wirkungsrate der Impfung nach den vorliegenden Studienergebnissen zwischen 98 und 100 Prozent liegt, sofern sie zweimal und vor dem 14. Lebensjahr, jedenfalls vor dem ersten Geschlechtsverkehr, durchgeführt wird.

Im Zusammenhang mit dieser großen Untersuchung wurde nochmals ein Gerücht verbreitet, das die Tatsachen regelrecht auf den Kopf stellte. Die Impfgegnerszene behauptete, eine wichtige medizinische Organisation, das Data and Safety Monotoring Board (DSMB, eine Institution zur Überwachung der Datenintegrität von Studien), habe den sofortigen Abbruch der Studie gefordert.

Ein Aberwitz. Denn was steckte wirklich dahinter? Das DSMB hatte in Wirklichkeit empfohlen, wegen der schon in den Zwischenergebnissen dokumentierten überwältigenden Erfolge des Impfstoffs die Studien so schnell wie möglich zu Ende zu führen - warum?  Um der Placebo-Gruppe nicht länger die echte Behandlung vorzuenthalten!

So sehen wir doch heute eine große Erfolgsgeschichte, die Gardasil unter die erfolgreichen und effektiven Impfstoffe eingereiht hat. Ja, so geht Wissenschaft! Nicht immer den geraden Weg, aber da Wissenschaft nun mal keine dogmatische Veranstaltung ist, sondern Fehlersuche und -bereinigung sozusagen "eingebaut" hat, werden Irrwege erkannt und Fehler ausgeräumt. Was haben Impfgegner mit ihrer sogenannten Kritik auf diesem Wege konstruktiv beigetragen? Gar nichts.

Die aktuelle Impfempfehlung

Unser Fazit ist natürlich, auch angesichts bislang (zu) niedriger Impfraten, dass wir Ihnen die aktuellen Empfehlungen zur HPV-Impfung sehr ans Herz legen, liebe Eltern. Sie lauten zusammengefasst:

Die Impfung sollte so früh wie möglich, d. h. vor dem ersten Geschlechtsverkehr, stattfinden. Schon beim ersten Geschlechtsverkehr kann es zu einer Infektion kommen, die die Wirksamkeit einer späteren Impfung in Frage stellt (Löning, M. et al. 2006, Zur Hausen 2002). Allgemein wird die Impfung im Alter zwischen 9 bis 14 Jahren empfohlen. Sie sollte in zwei Einzeldosen innerhalb von sechs Monaten erfolgen. Sind die Kinder älter, sind drei Einzelimpfungen notwendig. Bei Frauen > 18 Jahre ist die Impfung eine Einzelfallentscheidung, deren Kosten von manchen Versicherungen nur im Rahmen einer freiwilligen Serviceleistung übernommen werden. Bei einer bereits bestehenden Gewebeveränderung ist eine Impfung wenig sinnvoll. Allgemein geht man von einer Schutzwirkung von mindestens 5 Jahren aus; wahrscheinlich hält der Schutz jedoch wesentlich länger an. Es gibt Beobachtungen einer Schutzwirkung noch nach 20 Jahren.

Derzeit beginnen zudem Kampagnen, die für die -sehr sinnvolle- Impfung auch der entsprechenden Jungen-Generationen werben. Nichts ist logischer als das, denn sie sind ihrerseits ja Virenträger und keineswegs ohne eigenes Gesundheitsrisiko dadurch. Unten verlinken wir auf einen aktuellen Artikel, der über die Argumente zur Impfung für Jungen ausführlich informiert.

Wenig bekannt ist, dass bei Jungen die Fälle von bösartigen Veränderungen der Tonsillen - also der Rachenmandeln - in den letzten zwei Jahrzehnten spürbar angestiegen sind. Inzwischen ist klar, dass diese Erkrankung ebenfalls in den meisten Fällen auf Infektionen mit dem HPV-Virus zurückzuführen sind.

Leider -eigentlich unverständlich- halten sich viele Krankenkassen bei der Erstattungsfähigkeit der HPV-Impfung, obwohl für Mädchen eine Impfempfehlung der StIKo besteht, noch ziemlich bedeckt. (Siehe aber aktuell die beiden UPDATES unten!)
Unten folgt ein Link zu den großen Erfolgen in Australien, die mit den Impfkampagnen seit 2007 dort bereits erzielt wurden und die aktuell dazu führen, dass 2018 eine umfassende Flächenimpfung mit Gardasil 9 stattfinden wird - auf Kosten des Gesundheitssystems. Ganz aktuell  wird dies ergänzt durch ein großes Review der Cochrane Collaboration, das eindrucksvolle positive Ergebnisse zu Wirksamkeit und Nebenwirkungsfreiheit lieferte.

Dass unsere Kritik zur fehlenden Kassenübernahme für die gesamte Zielgruppe, die ursprünglich (November 2017) an dieser Stelle stand, so schnell wegfallen würde, das hätten wir nicht gedacht:

Update, 09.06.2018:

Es gibt einen aktuellen Beschluss der StIKo vom 5. Juni 2018:
"Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt die Impfung gegen humane Papillomviren (HPV) für alle Jungen im Alter von 9 bis 14 Jahren. Eine Nachholimpfung wird bis zum Alter von 17 Jahren empfohlen. Die HPV-Impfempfehlung für Mädchen bleibt unverändert."

Eine gute Entscheidung. Und ein gutes Signal der Techniker Krankenkasse, die angekündigt hat, die Kosten für HPV-Impfungen - auch für Jungen - zukünftig zu übernehmen. Danke dafür.

Update, 20.09.2018:

Der Gemeinsame Bundesausschuss hat, wie er in einer Pressemitteilung vom 20.09.2018 ausführt, den oben genannten Beschluss der StIKo vom 5. Juni umgesetzt und die Kostenübernahme der gesetzlichen Kassen für die HPV-Impfung  für alle Kinder zwischen 9 und 14 Jahren freigegeben.


Zum Vertiefen und Weiterlesen:

Wir empfehlen als gut verständliche medizinische Fachinformation diese Seite bei Krebs-Rat-Hilfe.de:

http://www.krebs-rat-hilfe.de/gebaermutterhalskrebs-was-tun-zur-vorbeugung-und-was-zur-krebsfrueherkennung/

und ergänzend zum Thema der Impfung von Jungen diese Seite beim Portal DocCheck:

http://news.doccheck.com/de/191970/hpv-impft-endlich-auch-die-jungs/

Zur Flächenimpfung mit dem neuen HPV-Impfstoff ab 2018 in Australien und den Erfolgen der Impfkampagnen seit 2007:

https://www.theguardian.com/society/2017/oct/08/australian-children-to-get-new-hpv-vaccine-against-90-of-cervical-cancers

Und hier ein Bericht von Medscape über die eindrucksvollen Ergebnisse des ersten großen Reviews mit über 73.000 Impffällen durch die Cochrane-Collaboration:

https://deutsch.medscape.com/artikelansicht/4906979?nlid=122646_3081&src=WNL_mdplsnews_180522_MSCPEDIT_DE&uac=298016CJ&faf=1

 

Wir wünschen Ihnen von Herzen Gesundheit für die ganze Familie!


 

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