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Kinder brauchen Fantasie – aber keinen blanken Unsinn!

Öh?

Liebe Eltern,

heute widmen wir uns der Frage, was Kindern im "magischen Alter", also etwa zwischen dem zweiten und dem fünften Lebensjahr, sinnvollerweise geboten werden kann und soll - und was nicht. Das "magische Denken" ist vor allem die Vorstellung, die eigene Gedanken- und Vorstellungswelt habe wirklichen Einfluss auf die reale Umgebung. Es ist ein Teil des inneren Erlebens des kleinen Kindes.

Kinder brauchen Fantasieanregendes, sie brauchen Märchen, Figuren und Geschichten, an denen sich ihre Vorstellungskraft entzünden kann. Dass sich das später an der Realität relativiert, ist ein normaler und wichtiger Entwicklungsprozess. 

Das heißt aber keineswegs, dass es legitim wäre, Kindern in dieser Phase falsches "positives Wissen" zu vermitteln. Von Autoritätspersonen ernsthaft und eindringlich vorgetragene Dinge werden gerade von den Kleinen tief verinnerlicht - je öfter wiederholt, desto intensiver. Im Falle einer nachhaltigen, kaum noch zu verändernden Prägung spricht man gar von einer frühkindlichen Indoktrination. Gäbe es keinen Unterschied zwischen dem völlig natürlichen Magischen Denken als einem "inneren Besitz" des Kindes und der tiefen Bereitschaft, Botschaften von Autoritätspersonen zu verinnerlichen, wäre ja beispielsweise der besondere Ansatz einer frühkindlichen Bildung gänzlich hinfällig.

Wir veröffentlichen nachstehend in leicht gekürzter Fassung einen uns freundlicherweise zur Verfügung gestellten Elterntext, der sich in Sorge um eine in diesem Sinne "falsche Weichenstellung" an "ihren" Kindergarten richtet. Wir finden diesen Text deshalb so bemerkenswert, weil er die oben angesprochene Grenzziehung einerseits sehr deutlich begründet, andererseits mit freundlichen, um Einsicht bittenden Worten darlegt. Auch wir sind der Ansicht, dass einer Konditionierung von Kindern in Richtung auf Esoterik und echten Aberglauben entgegen getreten werden muss und nicht mit dem Hinweis darauf abgetan werden kann, das werde sich "schon auswachsen". Zum Thema Esoterik haben wir uns auf dieser Seite selbst schon positioniert.

Hier nun, mit herzlichem Dank für die Genehmigung zur Veröffentlichung, unser Gasttext zu "Heilsteinen" im Kindergarten:

 

Liebes Erzieherteam, lieber Elternbeirat,

wir möchten Ihnen zuerst einmal für ihre tolle und engagierte Arbeit im letzten Jahr bedanken. Wir haben sicher alle gemerkt, dass sehr viel Arbeit darin investiert wurde. Noch gestern hat mein Mann sich sehr darüber gefreut, dass im Kummerkasten noch nie ein negatives Anliegen zu finden war.

Eine Sache bereitet uns dann aber doch etwas „Kummer“. Gestern abend hat xxx xxx in der kleinen Runde kurz von ihrem Projekt mit Edelsteinen berichtet, weil die Kinder sie angesprochen haben, warum sie „Edelsteine in ihrem Wasser“ hätte. Mein Mann hat sich dann kurz Gedanken darüber gemacht und es dann wieder verworfen. Bis heute morgen, als unser Kind mit dem Ernst, der Kindern – glücklicherweise! – zu eigen ist, über „heilende Edelsteine“ gesprochen hat. Er hat von sich aus sehr ernst und detailgenau über Amethyste und Bernsteine gesprochen – Bernsteine (ich erklärte ihm, dass das Baumharze sind, die mit Edelsteinen nichts zu tun haben) könnten heilen, sich als „Sonnensteine“ mit Sonnenlicht aufladen - ein Mädchen habe auch eine Kette, „damit die Zähne besser wachsen“ usw usw.

Wenn man persönlich glaubt, dass einem Edelsteinwasser gut tut oder es gar „heilt“, ist das völlig in Ordnung – nur sollten Dinge, die nicht objektiv verallgemeinerbar sind, weil sie schlichtweg jeder Wissensgrundlage entbehren und im Bereich der Esoterik anzusiedeln sind, Kindern so nicht „beigebracht“ oder vermittelt werden: Kinder können zwischen Glaubens- und Wissensinhalten noch nicht unterscheiden – das ist auch sehr gut so! Mit dem gleichen Ernst, mit dem sie Wissen aufnehmen, nehmen sie aber auch Dinge auf, die im Bereich der Privaterfahrung und des Privatglaubens bleiben sollten. [...]

Gerade im Kleinkind- und Kindbereich (das geht ja mit der Geburt schon los) werden aber heute viele Dinge vermittelt, die jenseits allem Faktischen anzusiedeln sind, Einfallstore für Dinge wiederum, die wir für sehr problematisch halten alle sind ja „irgendwie“ gegen Donald Trump, aber zu seiner Truppe gehören neben Esoterikern, Impfgegnern, Kreationisten und Fundamentalisten, die ohne rot zu werden vom „Postfaktischen“ sprechen und Wissenschaftler, die sich noch um echtes, verallgemeinerbares Wissen bemühen, als „Spaßbremsen“ diffamieren – in der Türkei werden sie nicht ohne Grund weggesperrt, weil Manipulationen der Menge so viel leichter vorgenommen werden können.

Was uns wirklich bestürzt hat, waren die Tränen unseres Kindes, das heute morgen in einen echten Konflikt geriet, ein Konflikt zwischen Autoritäten: der Erzieherin, die er sehr schätzt und der er gern zuhört und uns – er nimmt Wissensinhalte eben auch sehr ernsthaft und begeistert auf, mit der gleichen Begeisterung gibt er sie wieder und brach in Tränen aus, als wir ihm sagten, dass das Ganze so nicht stimme. Wir haben ihm die Dinge in aller Ruhe erklärt, ich habe ihm Edelsteine gezeigt und erzählt, dass ich sie früher gesammelt habe – dass Menschen in der Antike und im Mittelalter diesen Steinen Heilkräfte zugesprochen haben und auch in Dichtung und Märchen Edelsteine eine große Rolle spielen. [...] Ich habe ihm zum Trost auch erzählt, wie die schwarzen Kerzen meiner Tante mich vor Gewittern schützen sollten und ich hingebungsvoll in die Flamme starrte – obwohl ich dann doch lieber dem Hinweis meines Vaters auf den Blitzableiter vertraute....

Wir wollen gewiss unser Kind nicht „entzaubern“, ihm den Glauben an Osterhase, Weihnachtsmann, Elfen und was auch immer nehmen, dazu sind diese Dinge zu schön, zu spannend, zu wertvoll, weil sie unser Leben erst schön machen und bereichern. Fantasie Dichtung, Märchen, Literatur und Glaubensbereiche bieten hier ja wunderbare Möglichkeiten.

Die Verwirrung und Traurigkeit heute morgen hat besonders mir sehr zugesetzt, so dass ich sogar zweifelte, ob es gut war, ihn hier aufzuklären. Man kann Kindern aber ja durchaus , wenn sie neugierig fragen, sagen, „mir hilft das“, „für mich ist das gut“ – dann kennzeichne ich diese Dinge schon sprachlich ganz klar als Privatsache. Das sind aber Gegenstände, die als scheinbare „Wissensinhalte“ und als nachweislich esoterische Inhalte keine Grundlage für einen Morgenkreis oder Unterricht irgendwelcher Art sein sollten – weil sie dafür nicht taugen.

Daher unsere Bitte: bitte versuchen Sie auch in Zukunft (Privat-)Glauben und Wissen zu trennen. Wer seinen Kindern Bernsteinketten umhängen will, soll das tun – eine etwaige „Heilkraft“ aber als verallgemeinerbares Wissen zu deklarieren, überschreitet für uns eine Grenze. Wir nehmen gewiss niemandem seinen Glauben und das hier ist kein „Angriff“ – wir möchten aber erinnern, dass bestimmte Dinge doch einfach in den Privatbereich gehören.

Eine Institution wie ein städtischer Kindergarten wird gerade auch in Zukunft die entscheidend wichtige Aufgabe haben, Kindern alles das mitzugeben, was sie zu Menschen formt, die dem Leben gewachsen sind – einmal, weil sie das kennenlernen, was an Dichtung (dazu gehören auch Märchen), künstlerischer und religiöser Überlieferung und Tradition von hohem Wert ist, weil der Mensch eben nicht nur „vom Brot allein“ lebt und all das unser Leben erst schön und reich macht! [...]

Das Gegengewicht aber, die Fähigkeit, Faktisches von Nicht-Faktischem trennen zu können, wird in Zukunft eine Fähigkeit sein, die unsere Kinder dringend brauchen werden, um zu verhindern, dass unser Urteilsvermögen verwirrt und bereits Erreichtes – z. B. aufgeklärtes Denken als Grundlage der Moderne, der Demokratie - wieder verloren geht. Da kann man auch im Kindergarten schon sehr viel für tun – nicht einfach, aber eine so wichtige Aufgabe!

Herzliche Grüße

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Bildnachweis: Fotolia_145687668_XS-002

 

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