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Wer heilt, hat Recht! – Wirklich?

Wer heilt, hat Recht - das "Argument" schlechthin in der Diskussion um Homöopathie und Co.  Und keines, das häufiger von den Skeptikern erklärt und widerlegt wird. Warum ist das so und was steckt dahinter?

Wenn man die Aussage wörtlich nimmt, ist ja soweit alles in Ordnung. Ich nehme meine Globuli (oder etwas anderes, gehe beispielsweise zur Akupunktur oder zur Bioresonanz-Behandlung) - und eine Weile später sind meine Beschwerden besser oder gar weg. Wunderbar! Wenn das kein Beweis ist...

Nein, ist es nicht, ganz und gar nicht. Denn die entscheidende Frage, die allein den "Wer heilt, hat Recht"-Spruch begründen könnte, die fehlt: Steht wirklich fest, dass zwischen der Globulieinnahme (der Akupunktur, der Bioresonanz-Behandlung) und der Besserung der Beschwerden ein Ursache-Wirkungs-Zusammenhang besteht? Das ist die Frage, die die wissenschaftliche Herangehensweise an die Medizin sich stellt und zu beantworten versucht. Das ist aber genau die Frage, die sich die Verteidiger pseudomedizinischer, mithin als solche wirkungsloser Methoden und Mittel eben nicht stellen. Hätte die nicht jemand einmal am Anfang der wissenschaftlichen Medizin gestellt, wären wir noch auf dem Stand der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts: Bei Vermutungen und Herumraten.

Der menschliche Geist ist sehr, sehr schnell dabei, Zusammenhänge herzustellen und anzunehmen. In unserem Falle ist das auch so: Man stellt eine Wenn-Dann-Beziehung her. Man ist mental ja auch konditioniert darauf, eine Wirkung der extra wegen der Beschwerden wahrgenommenen "Behandlung" zu erwarten. Aber es ist eine klassische Form des Fehlschlusses, wenn dies geschieht: Bekannt unter der Bezeichnung "post hoc ergo propter hoc"-Fehlschluss. Das bedeutet etwa "danach geschehen, also deswegen geschehen".

Aber ich HABE doch etwas getan, mögen Sie vielleicht einwenden. Das MUSS doch mit der Besserung zu tun haben - was denn sonst?

Sie müssen sich vielleicht erst an den Gedanken gewöhnen, aber es gibt weitaus mehr Dinge, die für die Besserung verantwortlich sein können, als eine Wahrscheinlichkeit, diese habe mit einer pseudomedizinischen Behandlung zu tun.

Zunächst ist es ja ganz einfach so, dass bei sehr, sehr vielen Beschwerden, die ihren gleichen -vermutlich sogar gleichzeitig auf der ganzen Welt- Menschen die gleiche Erfahrung eines Rückganges oder gar eines Verschwindens ihrer Beschwerden machen, ohne dass sie irgendeine Behandlung in Anspruch genommen haben. Kopf- und Rückenschmerzen verschwinden, der blaue Fleck löst sich ziemlich plötzlich auf, Fieber geht zurück... Das Gleiche, was Sie nach Ihrer Behandlung erlebt haben, geschieht also auch ganz ohne... Haben Sie das schon einmal bedacht?

Man könnte also sagen, dass viele "Heiler" ihren Ruf nur darauf gründen, dass sie zufällig gerade in der Nähe dessen waren, dem es besser geht - mehr nicht... Abwarten wird als ursächliche "Heilung" getarnt.

Darüber hinaus gibt es noch ein ganzes Bündel von Ursachen, die zur Besserung oder Linderung beigetragen haben dürften. Man nennt diese in ihrer Gesamtheit "Kontexteffekte". Der Placebo-Effekt ist nur einer davon:

  • Konditionierung: Die Behandlung hat früher schon "geholfen" / gutgetan. Die Erwartung, dass es wieder so sein möge, beeinflusst das, was später geschieht, ganz erheblich.
  • Regression zur Mitte: Der Körper hält extreme Zustände nicht lange aufrecht. In den allermeisten Fällen ist es nur eine Frage der Zeit, bis er Beschwerdebilder wieder auf ein Mittelmaß "herunterregelt".
  • Selbstheilungskräfte: Bis zu einem gewissen Grad ist der Körper durchaus in der Lage, mit Krankheiten und Beschwerden fertig zu werden. Das ist eine durch Evolution erworbene Fähigkeit - wenn es die nicht gäbe, wären wir vermutlich schon ausgestorben. Nur - eben bis zu einem gewissen Grade. Wo die Selbstheilungskräfte enden, enden auch die scheinbaren "Wirkungen" von pseudomedizinischen Behandlungen. (Was viele Homöopathen wohl wissen, aber daraus auch noch ein Positivum machen, indem sie betonen, die "guten" Homöopathen wüssten schon, wann sie den Patienten zum Arzt schicken müssten - ein "Qualitätsmerkmal", wirklich?)
  • Placebo: Jede Behandlung, jede Zuwendung erzeugt im Patienten die positive Erwartung "Mir wird geholfen werden", und zwar zum Teil sogar auf messbarer körperlicher Ebene. Mehr zu Placebo bei uns gibt es hier und hier.

... und das ist noch nicht alles.

Also: Nicht wer heilt, hat Recht, sondern es hat derjenige Recht, der den Zusammenhang zwischen seiner Behandlung und der Besserung bzw. Linderung beim Patienten belegen kann. Genau das ist das Ziel der medizinischen Forschung. Wie anders sollte man sich auch darauf verlassen können, beim nächsten Patienten mit dem gleichen Beschwerde- bzw. Krankheitsbild ruhigen Gewissens zum gleichen Mittel bzw. zur gleichen Behandlungsmethode greifen zu können? Dafür bedarf es der wirklichen Kenntnis von Ursache und Wirkung einer bestimmten Behandlung. Reproduzierbarkeit heißt eines der Zauberworte, die für die Feststellung einer Ursache-Wirkungs-Beziehung maßgeblich sind.

Damit sind wir nun auch mitten in der ganz persönlichen Erfahrung. "Mir hat es aber geholfen!" Das ist sozusagen die auf die individuelle Ebene heruntergebrochene Version von "Wer heilt, hat Recht". Subjektiv-individuell unbestreitbar (und sicher erfreulich), objektiv jedoch -als Grundlage für eine allgemeine Aussage zur Wirkung eines Mittels oder einer Methode- unbrauchbar, aus den erklärten Gründen.

"Wer heilt, hat Recht" ist also nichts anderes als ein Werbeslogan, dem eigentich sofort die Gegenfrage: "Wo ist der Beweis - für eine Ursache-Wirkungs-Beziehung?" entgegengehalten werden muss. Je mehr an diesem Scheinargument festgehalten wird, desto kritischer sollten Sie, liebe Leserinnen und Leser, gegenüber der angebotenen Methode bzw. dem angebotenen Mittel sein. So entpuppt sich nun doch ein scheinbar "unschlagbares Argument" bei näherem Hinsehen als im Grunde inhaltsleer.

Wir wünschen Ihnen Gesundheit und dazu kritische Vernunft!

Ihr Susannchen-Team

 

 

 

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