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Susannchen fragt: Was wäre, wenn… ?

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Liebe Leserinnen und Leser,

die homöopathischen Therapeuten halten bekanntlich streng daran fest, die Homöopathie sei eine Arzneimittellehre zur Heilung von manifesten (bestehenden) Krankheiten ". Dabei dreht sich alles um die „verstimmte geistige Lebenskraft“ des Kranken und die „geistige Arzneikraft“ der homöopathischen Mittel. Es darf aber schon gefragt werden, ob die das wirklich ernst meinen, denn…

 …wenn die Homöopathen die Sache mit der Arzneimitteltherapie zur Behandlung von Krankheiten ernst nehmen würden… 

… dann gäbe es nicht solche Sachen wie homöopathische „Vorbeugung“ (Prophylaxe) und homöopathische „Impfung“ (Nosoden), denn dabei geht es doch überhaupt nicht um eine „verstimmte geistige Lebenskraft“ - sondern um Maßnahmen am gesunden Menschen.

... wenn sie an den Grundsatz des „einen richtigen Mittels“ glauben würden, das die verstimmte Lebenskraft zurechtrückt…

… dann würden sie nicht entgegen Samuel Hahnemann, des Säulenheiligen der Homöopathie, dieses Mittel mehr als einmal einnehmen lassen, denn der hat es verboten – weil es ihm nicht auf die Menge, sondern auf das „richtige“ Mittel ankam, das sofort anfängt, der „Verstimmung“ entgegenzuwirken (und von „mehr“ dabei nur gestört wird) - ganz zu schweigen davon, dass ein "falsch" gegebenes Mittel Krankheitssymptome auslösen müsste.

... wenn das Prinzip der Wirkungszunahme durch Potenzierung wahr wäre…

… dann gäbe es keine Kaffeemaschinen, sondern Kaffeeschüttler, bei denen man nur ganz wenig Kaffeepulver brauchen würde. Aber auch nicht zu wenig, sonst würde der Kaffee zu stark.

…wenn das Simileprinzip (Ähnliches heilt Ähnliches) zuträfe…

… dann bräuchte man bei einer Vergiftung kein Gegengift, sondern nur noch mehr Gift zu geben. Und wenn Kinder hinfallen, müsste man ihnen nicht Arnikaglobuli, sondern Straßenabriebglobuli geben. (Susannchen fragt zu Recht, ob Arnika, einfach so eingenommen, Schürfwunden und blaue Flecken macht, wenn sie sieht, dass wieder solche Kügelchen gegen Schürfwunden und blaue Flecken verteilt werden.) Und die ganze aufwändige Arzneimittelforschung würde sich erübrigen...

... wenn die Arzneimittelprüfung am Gesunden funktionieren würde…

… dann müsste bei jedem, der bei einer solchen Arzneimittelprüfung die gleichen Mittel bekommt, auch so etwa das gleiche an Symptomen herauskommen – was nicht passiert. Außerdem müsste es ja Mittel geben, die auch Dinge wie Tumorerkrankungen, Diabetes, hormonelle Fehlfunktionen und Infektionen durch die Einnahme von Prüfstoffen hervorrufen würden – denn all dies wollen die Homöopathen ja behandeln.

... wenn die Homöopathen ihr Prinzip von geistiger Lebens- und geistiger Arzneimittelkraft ernst nehmen würden…

… dann würden sie mit den krampfhaften Bemühungen aufhören, per „homöopathischer Grundlagenforschung“ nun doch „um jeden Preis“ irgendwie  einen "materiellen", also physikalisch-chemischen Wirkungsnachweis für hoch potenzierte Lösungen erbringen zu wollen. Merken die denn nicht den Widerspruch darin?

... wenn die Homöopathen die Forderungen Hahnemanns homöopathischen Anamnese, zur genauesten Erfassung aller Befindlichkeiten des Patienten von „Körper, Geist und Gemüth“ als Therapiegrundlage ernst nehmen würden…

… dann gäbe es wederPflanzen- noch Tierhomöopathie und auch keine Selbstmedikation.

... wenn die Homöopathie eine „ganzheitliche Methode“ wäre…

… dann würden die Homöopathen nicht mit Symptombildern anstelle von Krankheiten arbeiten und Hahnemann hätte es nicht auch noch abgelehnt, Krankheiten Bezeichnungen zu geben. Homöopathie ist nach ihrer eigenen Definition Symptomenbehandlung ohne Rücksicht auf die Ursachen von Erkrankungen - wo soll hier die "Ganzheitlichkeit" herkommen? Ganzheitlich ist gute Medizin beim Arzt des Vertrauens, der die wissenschaftlichen Grundlagen genauso berücksichtigt wie seine ärztliche Erfahrung und die Bedürfnisse des Patienten.

... wenn Symptome ein untrügliches Zeichen für eine bestimmte Erkrankung wären…

… dann wären die Symptome einer Erkrankung völlig unabhängig vom Patienten, seinem Allgemeinzustand und seiner Vorgeschichte. Das ist aber in der Tat nicht im Mindesten so, weshalb viele Diagnosen so schwierig sind.  Medizinische Diagnostik beruht auf der Herausarbeitung von Leitsymptomen, nicht auf dem Zusammentragen jeder individuellen Nebensächlichkeit. Wenn Susannchen eine Erkältung bekommt, fängt es bei ihr im Hals an, bei Max läuft als erstes die Nase, ihr kleiner Cousin bekommt sofort Fieber – und das ist nur ein ganz einfaches Beispiel. Außerdem wären sonst genaue Diagnosen mit modernen technischen Mitteln ja vollkommen überflüssig, ferner könnte man keine zwei Erkrankungen voneinander unterscheiden, die in bestimmten Stadien gleiche Symptome zeigen, aber unterschiedliche Behandlung erfordern (und davon gibt es eine unüberschaubare Menge - z.B. ein Magengeschwür und eine Lebensmittelvergiftung).

... wenn die Homöopathie „Naturmedizin“ wäre…

… dann würde sie nicht Stoffen wie Graphit, Schwefel, Plutonium, Berliner Mauer, Arsen, Blei und Chlor, erst recht nicht Dingen wie Röntgenstrahlung, Mondlicht und dergleichen (sogenannte Imponderabilien) „Heilkräfte“ zuschreiben - und nicht das bisschen Natur, das in dem einen oder anderen Mittel einmal vorhanden war, bis zur Unkenntlichkeit herausverdünnen.

... wenn die „alleserklärende“ Idee Hahnemanns von der verstimmten geistigen Lebenskraft als Ursache jeglicher Krankheit richtig wäre…

…dann wäre alles andere, das für sich in Anspruch nimmt, Medizin zu sein, zwangsläufig falsch. Das ist die logische Folge, wenn jemand eine allumfassende (monokausale) Ursache als Erklärung für Ursachen und Behandlungen von "Krankheit" anbietet (das tun viele pseudomedizinische Lehren) – nur eine oder keine kann richtig sein, nicht mehrere und erst recht nicht alle.
Die wissenschaftliche Medizin unterscheidet sich dadurch von vielen Methoden der Pseudomedizin, dass sie eben nicht alles auf eine Ursache zurückführt, sondern die Vielfalt der möglichen Krankheitsursachen erkennt (Multikausalität) und weiter erforscht.

... wenn sich die Homöopathen ihrer Sache wirklich so sicher sind...

... warum verzichten sie dann nicht von sich aus auf den "geschützten" Status als "besondere Therapierichtung"  mit Freistellung vom wissenschaftlichen Wirkungsnachweis, die sie derzeit genießen und unterwerfen sich den allgemeinen Spielregeln für wissenschaftliche Medizin? Im eigenen Interesse, denn dann könnten sie doch wirklich mit „zugelassenen Arzneimitteln“ werben, könnte Verschreibungs- und Apothekenpflicht rechtfertigen. Warum tun sie das nicht?

... wenn homöopathisch überzeugte studierte Ärzte selbstkritischer wären…

… würden sie erkennen, dass sie nicht Unvereinbares wie Homöopathie und wissenschaftliche Medizin nebeneinander praktizieren können, ohne in unauflösliche Widersprüche zu geraten, die auch das Arzt-Patienten-Verhältnis berühren.

... wenn Homöopathen wirklich undogmatisch wären…

… dann würden Sie nicht vom „noch nicht erklärbaren Phänomen der Wirkung von Homöopathie“ reden, sondern die längst erklärten „Wirkmechanismen“ ihrer Methode, die man unter dem Oberbegriff "psychotrope Effekte" zusammenfasst,  auch zur Kenntnis nehmen und die Konsequenzen daraus ziehen.

... wenn die Homöopathieszene über all das mal selbstkritisch nachdenken würde…

… dann hätten Susannchen und Max mehr Zeit zum Spielen.


 

 

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