„Die armen Kleinsten“! Die Legende vom „unfertigen Immunsystem“ bei Säuglingen

Warum wir heute wieder über das kindliche Immunsystem sprechen müssen
Als wir 2017/18 „Susannchens kleine Impfkunde“ veröffentlicht haben, war die Welt der Impfaufklärung eine andere. Die Diskussionen waren manchmal hitzig, aber sie fanden überwiegend in Blogs, Foren und klassischen Medien statt. Wer sich informieren wollte, fand verlässliche Quellen – und wer Mythen verbreitete, tat das meist in überschaubaren Kreisen.
Heute ist eine neue Qualität dazugekommen.
In den sozialen Medien erreichen Menschen mit medizinisch fragwürdigen Aussagen ein Millionenpublikum. Influencerinnen und Influencer, oft ohne jede fachliche Ausbildung, kennen wieder immunologische Grundlagen noch wissenschaftliche Literatur dazu, präsentieren sich aber als „Aufklärer“ und greifen dabei immer wieder auf alte Legenden zurück – darunter die Behauptung, ein Säugling könne „so viele Impfungen“ gar nicht verkraften. Ein paar Videos, ein paar Schlagworte, große Selbstüberzeugung in persönlicher Präsenz – und schon entsteht der Eindruck, man habe „die Wahrheit“ entdeckt. Und neuerdings tönt es auch von jenseits des großen Teiches ganz offiziell so, als habe die alte Geschichte vom ‚unfertigen Immunsystem‘, dem durch Impfungen der Rest gegeben werde, doch etwas für sich.
Diese Vorstellung von der Überforderung des Immunsystems von Säuglingen klingt intuitiv plausibel.
Sie ist aber immunologisch falsch.
Und weil sie sich so hartnäckig hält, lohnt es sich, sie noch einmal in Ruhe und verständlich einzuordnen.
Das Immunsystem eines Säuglings: aktiv, wach und erstaunlich leistungsfähig
Ein Neugeborenes kommt nicht steril zur Welt. Schon in den ersten Minuten beginnt eine intensive Begegnung mit der Umwelt:
- Bakterien aus dem Geburtskanal
- Mikroorganismen der Haut
- Viren, Pilze und Partikel aus der Umgebung
- Eiweiße aus der Nahrung
- Hautkontakt mit mehreren Menschen
Allein die Besiedlung des Darms ist ein immunologisches Großereignis.
Das Immunsystem eines Säuglings ist darauf vorbereitet – und es ist erstaunlich gut darin, diese Vielzahl neuer Eindrücke zu verarbeiten.
Es ist kein „zartes Pflänzchen“, das man vor Reizen schützen müsste.
Es ist ein hochaktives, lernfähiges System, das täglich tausende neue Antigene verarbeitet.
Im Vergleich dazu sind Impfungen ein sehr kleiner, kontrollierter Reiz.
Moderne Impfstoffe enthalten:
- nur wenige Antigene, oft hochgereinigt
- manchmal nur einzelne Eiweißfragmente
- oder sogar nur die Bauanleitung für ein einziges Protein
Das ist immunologisch sehr überschaubar.
Zum Vergleich:
- Ein Atemzug enthält mehr immunologisch relevante Partikel als eine komplette Impfung.
- Ein kleiner Kratzer auf dem Spielplatz bringt mehr Antigene ein als der gesamte Impfkalender.
- Eine Mahlzeit liefert hunderte fremde Proteine, die das Immunsystem problemlos verarbeitet.
Impfstoffe sind also kein „Stresstest“, sondern ein kontrollierter Trainingsreiz.
Sie zeigen dem Immunsystem, wie ein Erreger aussieht – ohne die Krankheit auszulösen.
Das Immunsystem kann viele Aufgaben gleichzeitig bewältigen
Ein weiterer verbreiteter Irrtum ist die Vorstellung, das Immunsystem könne immer nur „eine Sache nach der anderen“ erledigen.
Tatsächlich ist es genau andersherum:
- Das Immunsystem arbeitet parallel, nicht nacheinander.
- Es verfügt über Millionen unterschiedlicher B‑ und T‑Zellklone.
- Jeder dieser Klone kann auf ein anderes Antigen reagieren.
- Und das alles passiert gleichzeitig, ohne dass sich die Antworten gegenseitig behindern.
Das ist keine Überforderung – das ist die normale Arbeitsweise eines gesunden Immunsystems.
Warum dieses Märchen trotzdem so hartnäckig bleibt
Die Vorstellung klingt intuitiv:
- „Viele Impfungen = viel Belastung“
- „Kleines Kind = empfindlich“
- „Immunsystem = muss geschont werden“
Das wirkt auf den ersten Blick logisch. Aber Intuition ersetzt keine Immunologie. Und genau deshalb ist es wichtig, diese Dinge ruhig und verständlich zu erklären.
Was Impfungen wirklich tun: Sie entlasten das Immunsystem
Eine Impfung ist kein Angriff, sondern eine Abkürzung:
- Sie zeigt dem Immunsystem ein harmloses Abbild eines Erregers.
- Das Immunsystem bildet Gedächtniszellen.
- Wenn der echte Erreger später auftaucht, ist die Antwort schnell und effektiv.
Ohne Impfung müsste das Immunsystem dieselbe Arbeit leisten – nur unter den Bedingungen einer echten Infektion, mit all ihren Risiken und Belastungen.
Impfungen sind also nicht das Problem.
Sie verhindern das Problem.
Warum wir diese Dinge immer wieder erklären müssen
Dass wir heute – wie schon 2017/18 – wieder bei den Grundlagen anfangen, zeigt vor allem eines:
Gesundheitskompetenz gehört in die schulischen Curricula.
Wer versteht, wie das Immunsystem funktioniert, fällt nicht auf Mythen über „Überlastung“ herein.
Und wer versteht, wie Impfungen wirken, erkennt ihren Wert.
Immunsystem – Mythen und Fakten I
Immunsystem – Mythen und Fakten II
