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Es gibt manchen Anlass zu Optimismus beim Eintreten gegen Pseudomedizin, hier und da tut sich sicherlich etwas in jüngster Zeit. Neben diesem Licht gibt es aber mehr als genug Schatten, oft Vorfälle, vor denen man einigermaßen fassungslos steht. Man sollte sich diese aber durchaus bewusst machen, denn sie unterstreichen die Notwendigkeit der Aufklärungsarbeit nachdrücklich.

Werfen wir einen Blick nach Kanada, einem Land, das sehr widersprüchlich mit dem Thema Pseudomedizin umgeht. Fundierte Statements auch öffentlicher Stellen und von Universitäten wechseln sich ab mit seltsamen Vorgängen wie z.B. der staatlichen Förderung von Pseudomedizin bei Entwicklungshilfeprojekten. Aktuell erreicht uns die Nachricht über den Revisionsprozess gegen ein Elternpaar, das eine bakterielle Meningitis bei ihrem kleinen Sohn mit „Supplements“ in Eigenregie behandelt hat, bis es zu spät war. Sie unterhalten selbst einen Handel mit solchen „Supplements“, also Vitaminen, Nahrungsergänzungsmitteln und dem einen oder anderen „Naturheilmittel“.

Die Eltern waren durchaus frühzeitig darauf hingewiesen worden, dass es sich höchstwahrscheinlich um eine Meningitis handle. Trotzdem ließen sie weiter Zeit ungenutzt verstreichen. Als sie wegen eines Atemstillstandes des Kleinen einmal die Ambulanz riefen, bestellten sie diese wieder ab, als der Junge wieder zu atmen begann. Man darf es sich wirklich nicht bildlich vorstellen…

Die Eltern waren erstinstanzlich zu mehrmonatigen Strafen verurteilt worden, der Vater zu Gefängnishaft, die Mutter zu Hausarrest. Das zweite Verfahren (sowohl das Elternpaar als auch der Kronanwalt hatten Revision eingelegt) bestätigte dies. Ein befremdliches Intermezzo sei auch erwähnt: Die Eltern verlangten vom kanadischen Staat im Verlauf des Verfahrens eine Summe von 4 Millionen kanadischen Dollar zum Ausgleich des Aufwandes, den sie durch die Anklage hatten. Dies allerdings wurde zurückgewiesen. Nach dem Freispruch wurden ihnen aber immerhin 1,2 Millionen als Kosten der Rechtsverfolgung erstattet... Vermutlich ein gutes Geschäft zu allem anderen.

Ein Fehler in der Unterweisung der Jury in der zweiten Instanz eröffnete den Weg zum Supreme Court, der nun den aktuellen Freispruch – am 19. September - ausurteilte. Den  Eltern war es gelungen, dort nicht vor einer Jury, sondern vor einem Einzelrichter verhandeln zu lassen. Ein strategischer Vorteil, zweifellos.

Wir wollen den Vorgang gar nicht moralisch bewerten und auch kein Gerichtsbashing betreiben. Aber: Das Signal, das von diesem Freispruch ausgeht, ist einmal mehr höchst fatal. Selbstverständlich spielt er der pseudomedizinischen Propaganda in die Hände. Wir wissen, in welcher Weise gerade Gerichtsurteile den Marktschreiern der Pseudomedizin immer wieder als angeblicher Beleg dafür dienen, man sei höchstrichterlich bestätigt worden. Dabei ist in den wenigsten Fällen die Pseudomedizin selbst sozusagen auf der Anklagebank. Natürlich kann ein Strafgericht ganz unabhängig davon, ob und welcher Unsinn angewendet wurde, z.B. feststellen, die individuelle Schuld reiche für eine Verurteilung nicht aus. Und generell wissen wir, dass Gerichte und Schiedsstellen die wohl ziemlich ungeeignetesten Instanzen für die Beurteilung von wissenschaftlichen Zusammenhängen sind. Und in der Tat, auch in diesem konkreten Fall ist eine Menge falsch gelaufen, bis hin zu einer unqualifizierten Begutachtung, der der Richter unkritisch gefolgt ist. Ein Rechtssystem stößt da an seine Grenzen. Dafür gibt es genug Beispiele. Recht, Gesetz und Wissenschaft gehen meist nicht so leicht zusammen - vor allem, weil sie mit unterschiedlichen Kategorien (z.B. bei der Kausalität) und einer anderen Sprache umgehen.

Was bleibt? Die Notwendigkeit von Aufklärung und Information. Es wird immer Pseudomedizin geben und immer auch Menschen, die von ihr überzeugt sind. Das wird sich nicht ändern. Es ist aber notwendig, dies nicht überhand nehmen zu lassen. Dazu hilft eben nur Aufklärung.

Bitte helfen Sie uns dabei. Treten Sie auch im Bekannten- und Verwandtenkreis freundlich, aber bestimmt gegen pseudomedizinischen Unsinn ein. Verweisen Sie auf unsere Seiten! Und haben sie ein besonderes (möglichst nicht allzu spezielles) Thema, dessen wir uns hier einmal in unserem Rahmen annehmen sollten? Wir wissen natürlich nicht alles und unsere Kapazitäten sind begrenzt, aber im Rahmen des Möglichen werden wir gern darauf eingehen. PN an Susannchens Facebook-Account oder eine kurze Nachricht an mail@susannchen.info genügen!

 

Bild von Joel Hügli auf Pixabay

Auf diesem Bild: Alles Chemie!

Im Pferdestall schnauben Pferde. Meist jedenfalls. Manchmal schnaubt nämlich auch Sibylle Luise Binder, Pferdefrau, Sachbuch-Autorin und Journalistin- Bei ihr gibt es so ein paar Sätze, die garantiert Schnauben auslösen – und einer davon ist „Ich lasse doch keine Chemie in mein Pferd!“ ...weiterlesen "Natürlich ist alles Chemie!"

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Oft begegnet man - meist im Zusammenhang mit der sogenannten "eigenverantwortlichen Impfentscheidung" - der Ansicht, eine durchgemachte Masernerkrankung sei im Hinblick auf die "Stärkung des Immunsystems" auf jeden Fall einer Impfung vorzuziehen. Natürlich ist das in mehrfacher Hinsicht Unsinn. Die Impfung stellt einen im Grunde sehr natürlichen Vorgang dar, eine gezielte Stimulierung des Immunsystems, wie sie mit tausenden täglich auf uns eindringenden Keimen "ganz von allein" auch stattfindet. Die Impfung ist nur eben gezielt und bezieht sich auf Erreger, von denen wir wissen, dass sie nicht so "mal eben" vom Immunsystem weggesteckt werden können.

Wir wissen heute, dass eine durchgemachte Masernerkrankung dagegen das Immunsystem nachhaltig schwächt, teils über Jahre hinweg - und sich damit das Erkrankungsrisiko bei Infektionen aller Art nach einer Masernerkrankung auch langfristig deutlich erhöht. Ganz abgesehen von der unnötigen Krankheitslast (der Summe aller Auswirkungen und Folgen von Erkrankungen) und natürlich dem Nebenwirkungs- und Spätfolgenrisiko. Und durch die akute Erkrankung geht das Immunsystem für sechs bis acht Wochen völlig "auf dem Zahnfleisch" - man nennt das "transitorische Immunschwäche", eine Einladung geradezu für bakterielle (Super-)Infektionen, was auch der Grund für die häufigen Mittelohr- und Lungenentzündungen im Zusammenhang mit Masern ist.

Wieder begegnen wir einem völlig falschen Natürlichkeitsbegriff. "Natürlich" ist eine Infektion allenfalls aus der "Sicht" des Bakteriums oder des Virus, das damit sein genetisches Programm erfüllt. Besonders schlimme Auswüchse dieser Fehleinschätzung sind "Masernpartys", bei denen in mehr oder weniger gutem Glauben Kinder bewusst und gezielt der ach so natürlichen Infektion mit dem Masernvirus ausgesetzt werden. Fraglos eine hocheffektive Angelegenheit, denn bei der Ansteckungsfähigkeit der Masern kann man davon ausgehen, dass nahezu hundert Prozent aller, die sich dort zusammen mit Infektionsträgern befinden, auch erkranken werden. Und nein, anders als Impfgegnerseiten suggerieren wollen, sind Masernpartys wohl kein "Mythos", keine "urban legend". Man muss sich sowas ja nicht unbedingt als Veranstaltung mit 100 Teilnehmern mit Plakaten, Einladungskärtchen und Facebook-Veranstaltungsankündigung vorstellen. Ein Nachbarschaftstreffen nach vorheriger Absprache tut es auch - ohne dass da groß was publik würde.

Wie schon gezeigt, ein schlimmer, grotesker Irrtum, befeuert von Unkenntnis, falsch verstandener Natürlichkeit und leider auch der Propaganda für die "Eigenverantwortlichkeit". Ob alle Besucher und Veranstalter von Masernpartys sich wohl über die möglichen rechtlichen Folgen klar sind? Kaum - sie sind es ja auch nicht hinsichtlich der gesundheitlichen Folgen...

Ärzte, die öffentlich eine Teilnahme an Masern-Partys empfehlen, begehen nicht nur einen Kunstfehler, sondern machen sich sogar strafbar. Darauf weist z.B. die Bayerische Ärztekammer hin. Gegen Ärzte, die die Weiterverbreitung von Masern zulassen, können auch berufsrechtliche Schritte eingeleitet werden.

Nach dem Infektionsschutz-Gesetz (IfSG) kann die Weiterverbreitung von Krankheitserregern mit einer Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren bestraft werden (§ 75 Abs. 3 IfSG). Das betrifft die Veranstalter von Masernpartys ebenso wie die Eltern der betroffenen Kinder, deren "Elternrechte" hier eindeutig eine Grenze finden.

Die willentliche Infizierung eines Menschen mit einer Infektionskrankheit stellt eine vorsätzliche Körperverletzung dar (§ 223 StGB, Beibringung von Gift oder anderen gesundheitsschädlichen Stoffen), das kann sich im Einzelfall bis hin zur gefährlichen Körperverletzung gem. § 224 StGB erweitern.

Da die Teilnehmer dieser "Masernpartys" meist Kinder sind, kommt noch die Misshandlung Schutzbefohlener nach § 225 StGB hinzu. Im schlimmsten Fall, bei Folgeschäden der Masernerkrankung, ist in der Regel der Tatbestand der schweren Körperverletzung nach § 226 StGB erfüllt, bei einer Todesfolge Körperverletzung mit Todesfolge nach § 227 StGB. Der Strafrahmen liegt zwischen drei Monaten und zehn Jahren Freiheitsentzug.

Und Dr. Petra Albrecht, Vorstandsmitglied bei der Sächsischen Landesärztekammer, nennt in einem aktuellen Interview  Masernpartys ohne Umschweife "Kindeswohlgefährdung".

Schützt unsere Kinder! Lasst impfen - und prüft auch den eigenen Impfschutz!

 


Bildnachweis: Wir bedanken uns herzlich bei Kumi !

Susannchens Anliegen: Gesundes Aufwachsen ohne Pseudomedizin!

Wir begrüßen ganz herzlich eine neue Gastautorin, die aus eigener Erfahrung zu unserem Thema beitragen kann. In ihrer frühen Kindheit erlebte Sibylle Luise Binder eine anthroposophische Hausärztin, die sich der Homöopathie verschrieben hatte. Ihre Erinnerungen daran sind nicht erfreulich. ...weiterlesen "Zuckerkügelchen? Nein danke! – Meine Erfahrungen mit Homöopathie"

Einer der Punkte, an denen die Impfgegner gern immer wieder einhaken, ist der Einwand, die Todesfälle seien doch längst vor der Einführung von Impfungen zurückgegangen, durch Hygiene, bessere Ernährung und bessere medizinische Versorgung! Da ist zwar durchaus etwas dran. Die Frage ist nur: Ist das ein Argument gegen Impfungen? ...weiterlesen "„Die Todesrate ist auch ohne Impfen gesunken“ – Impfgegnerargument™"

Auch zu Silvester - keine Globuli für Bello und Hannibal!

„Silvesterangst“ ist ein jährlich wiederkehrendes Thema – gerade in Städten wird ja oft schon Tage vor dem Jahreswechsel ordentlich „geknallt“, was unsere tierischen Mitbewohner in Angst und Schrecken versetzen kann.  Am besten wäre es, sich nicht erst im Dezember darüber Gedanken zu machen, sondern das Tier von Anfang an im Rahmen der „normalen Erziehung“ an laute Geräusche zu gewöhnen,  wie Topfdeckel schlagen, Gewitter oder Feuerwerk vorspielen… auch ein „alter Hund“ kann übrigens „neue Tricks" lernen! ...weiterlesen "Dr. Steffis Sprechstunde – noch einmal zu Silvester"

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Im weihnachtlich geschmückten Wohnzimmer trifft sich Susannchen heute mit Onkel Michael.

Susannchen ist nämlich ein bisschen neugierig und möchte ein paar Sachen zum Blog von Onkel Michael wissen. Bei einem Gläschen heißer Schokolade und  Weihnachtsplätzchen unterhalten sich die beiden. ...weiterlesen "Ein Interview mit Onkel Michael"