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Lesedauer ca. 8 Minuten

Heute freuen wir uns über einen Gastbeitrag von Susannchen-Followerin Alexandra Feders, in dem sie die Mythen und Legenden rund um "wirksame" Zeckenbekämpfung am Tier mal komplett - über unseren "Zeckenhalsband-Artikel" auf dieser Seite hinaus - debunked. Ein großes Dankeschön vom Susannchen-Team dafür!


Jedes Jahr wieder. Und jedes Jahr wird massenhaft Geld gelassen für Produkte, die nicht wirken. Und wie fast jedes Jahr lasse ich es mir nicht nehmen, Zeckenmythen hinfortzuwischen.

Es geht los:

Mythos 1: Kokosöl hält Zecken fern...

Eine Theorie besagt, die in Kokosöl enthaltene Laurinsäure schrecke Zecken ab. Kann das sein? Um durch etwas abgeschreckt zu werden, muss man dieses Etwas auch wahrnehmen. Das ist die Grundvoraussetzung. Niemand gruselt sich vor einer Spinne, die er nicht sieht und von deren Anwesenheit er nichts weiß. Nun sollten wir uns aber die Frage stellen, was so ein simpel gestricktes Tier wie eine Zecke überhaupt wahrnehmen KANN.

Zecken besitzen das Haller-Organ - und tatsächlich kann eine Zecke damit Ammoniak und auch Buttersäure wahrnehmen. Buttersäure und Laurinsäure sind chemisch ziemlich ähnlich. Und natürlich kann man jetzt denken „Ha! Wirkt! ...Weil niemand will ja böse Säure.“ ... Äh... doch.

Zecken wollen das. Denn Buttersäure ist Bestandteil von Schweiß, und die Information „Hier gibt es Schweiß“ ist für die Zecke das gleiche wie „Hier gibt’s gratis Steak!“. Und Laurinsäure ist dem „Steak“ halt recht ähnlich. Würden Zecken also tatsächlich auf Laurinsäure reagieren, dann tatsächlich nicht mit Wegrennen, sondern mit Lätzchen-umbinden.

Aber es gab doch Versuche in Labors, wo Zecken vor der Laurinsäure weggelaufen sind? Ja, die gab es. Problem dabei: Laurinsäure ist bis 44 Grad Celsius ein Feststoff. Für die Versuche musste sie also bis zur Schmelztemperatur aufgeheizt werden. Und wenn Zecken eines sind, dann: Umweltmimosen. Die Zecken haben sich in den Versuchen vor der erhöhten Temperatur zurückgezogen. Nicht vor der Laurinsäure. Das wurde übrigens bestätigt, indem man den gleichen Versuch ohne Laurinsäure durchgeführt hat. Mit dem gleichen Ergebnis. Das ist leider der Teil, den die einschlägigen Kokosbewerber gerne unter den Tisch fallen lassen. Ein Aufheizen des Hundes auf 44 Grad ist übrigens ungesund. Verfüttert hat Kokosöl allerdings auch keinen Effekt, im Gegenteil, durch die gesättigten Fettsäuren ist es auch noch echt ungesund. Noch dazu ist der Anbau ökologisch  bedenklich. Aber wie so oft, das grüne Gewissen reicht bis zum eigenen Hund, aber leider keinen Meter weiter. Und mal ernsthaft: Der Gedanke, dass die Laurinsäure komplett unverändert vorne in den Hund rein, durch den Magen, durch den Darm, dort aufgenommen durch den kompletten Stoffwechsel in die Haut, und aus dieser heraus auch noch wieder zurück nach draußen kommt, ist schon komplett bescheuert.

Mythos 2: Bernstein verscheucht Zecken!

Zu Bernstein gibt es zwei Ansätze der vermeintlichen Wirksamkeit.

Elektrostatische Aufladung.
Das Fell reibt am Bernstein, und lädt sich dadurch auf. Joaaaa... gleiches Prinzip wie beim Luftballon, der mit dem Wollpulli gerieben wird. Hält man den aufgeladenen Ballon dann an kleine leichte Dinge wie Haare, Konfetti oder Zecken, passiert der Physik folgend - was? Richtig: die kleinen Dinge werden ANGEZOGEN. Nicht abgestoßen!

So richtig Mythengläubige kommen aber genau in diesem Moment mit den Entladungen daher! Kennt man doch, dieses fiese Bizzeln, wenn man den Nylonpulli auszieht. Ja, das sind Entladungen elektrostatischer Aufladung. Die kleinen Blitze haben durchaus mal 1000 Volt, aber eben wenige Milliampère, weswegen sie uns auch nicht killen. Wer in Physik aufgepasst hat, findet auch hier den Haken: Die Entladung über uns (bzw. über den Hund) kann nur deshalb stattfinden, weil wir geerdet sind. Und deshalb betrifft es auch nur uns. Eine Kopflaus auf unserem Kopf bekommt auch keinen Schlag, wenn wir den Wollpulli ausziehen, weil zwischen ihren Beinen, die auf unserem Kopf stehen, kein Spannungsgefälle ist. Heißt: eine Zecke am Hund müsste schon gleichzeitig mit einem Bein auf dem Boden stehen, um von einer elektrostatischen Entladung beeinflusst zu sein

Geruch des Bernsteins
Ein Bernstein, der riecht, ist kein Bernstein, sondern ein ziemlich frischer Harztropfen, der noch mal für so eine halbe Million Jahre zurück ins Meer darf. Außerdem - wir erinnern uns: Zecken können folgende Dinge „riechen“: CO2 (da atmet jemand und wer atmet, der lebt), Ammoniak (da pinkelt einer und wer pinkelt, lebt), und Buttersäure (s.o.). Ende der Liste von Sachen, die Zecken riechen können. Was war nicht dabei.....? Ups. Bernstein. Auch nicht seine Bestandteile. Und daher auch keine Bernsteinkettchen.

Mythos 3: EM-Keramik gegen Zecken!

Effektive Mikroorganismen in Brennton. Mein Lieblingsmythos! Weil dahinter eine enorme Erfolgsgeschichte steckt, wie man aus Sch....e Geld machen kann.

Ein Kilo Aquariumfiltertonröllchen kostet sagenhafte 3,49 €. Und so ein Halsband? 15 €? 20 €? Ja, das restliche Material und die Arbeit, daraus putzige Kettchen zu machen, stellen einen gewissen Wert dar. Mal ernsthaft - dafür Kohle ausgeben, aber beim Tierarzt rumhupen, wie teuer ein anständiges Präparat ist?

Da sollen tatsächlich Mikroorganismen drin sein? Im Ton? Der bei 700 Grad gebrannt wurde? Ist klar. Und die bleiben da sogar drin, wenn man den Ton wässert! Respekt, dass Mikroorganismen sich brav an die Anleitung halten, den Brand überleben und sich dazu auch noch festhalten können. Man liest an der einen Stelle, die Mikroorganismen würden bis zu 1000 Grad Brenntemperatur locker aushalten. Wohl kaum. Sie bestehen wie alle Lebewesen aus Proteinen, also Eiweißstoffen, die weit früher zerstört sind. Anderswo ist gar die Rede von "feinenergetischen Resonanzen", die "durch die Symbiose innerhalb der effektiven Mikroorganismen" in der Lage seien, Schwingungen auf andere Teilchen zu übertragen... Die lebenden Bakterien "sterben beim Brennen ab, aber die Schwingung der EM bleibt im Ton erhalten." Aha. Man ist sich also nicht mal einig in der Fraktion der Bakterienfans. (1)

Ok, nehmen wir theoretisch mal an, da wären Mikroorganismen drin. So
Supermikroorganismen, die sich tatsächlich festhalten können und während des Brennens einen Anzug aus Keflar oder so anhatten. Dann sprechen wir aber immer noch über: Einzeller. Das sind aufgedröselt Algen, die meisten Bakterien und viele Pilze. Ja, die essen auch zum Teil, die machen Stoffwechsel, die pupsen bisweilen, ergo: sie verändern ihre Umgebung. Aber was sollen sie bitte gegen Zecken tun? Sie töten bisweilen tatsächlich Zecken. Es gibt wirklich Pilze, die Zecken töten. Nach Wochen.
Nein, sie haben nichts an sich, was Zecken abwehrt. Und darauf zu hoffen, dass sich die Zecke am totgebrannten (death-done, um beim Steak zu bleiben) Ton mit einem Pilz infiziert, und darauf zu warten, dass die Zecke in den nächsten Wochen auf dem Hund zu Tode schimmelt, ist kurz gesagt absurd.

Satt.

Und nein, es bleiben auch keine "Informationen" der Mikroorganismen in der Keramik zurück. Informationen bedürfen, tatsächlich überall im Leben, eines  „Datenträgers“, wo man sie dauerhaft und geordnet ablegen und deshalb auch wiederfinden und auslesen kann. Ein Papier, auf dem sie geschrieben stehen, einen elektronischen Speicher, oder auch einen Stein, in den sie gemeißelt sind, oder auch eine Keramik, in die sie hineingekratzt wurden. Wir wollen jetzt nicht damit kommen, dass Bakterien / Pilze / Algen mit einem kleinen Stift in die noch weiche Keramik „Zecken raus!“ kratzen. Nein. Und Leute, da gilt auch nicht „es gibt so viel zwischen Himmel und Erde...!“. Wenn ich diesen Beitrag hier nicht niedergeschrieben (in einen Speicher gepackt) hätte, dann wäre er mit meinem Tod auch tot. Und zwar spätestens, wenn ich in einen Brennofen einfahre! Außerdem können Zecken einfach kein Keramik-Grafitti lesen. Isso.

Fazit: EM-Keramik hilft zuverlässig gegen Zecken, allein das Zielen beim Werfen ist so ein Problem.

Mythos 4: Homöpathie zur Zecken-Abwehr...

Jetzt wird es so absurd, dass sich sogar Herr Hahnemann (Erfinder der Homöpathie) im Grabe rumdrehen würde, wäre seit 18hundertundkeks noch irgendwas von ihm übrig. (Leider hat er das mit dem Speichern von Informationen irgendwie hinbekommen. Ganz ohne EM-Keramik. Mit Stift, Papier und Druckerpresse. Mir wäre es lieber, seine Idee wäre mit ihm zusammen von uns gegangen.)

Fangen wir vorn an: In der Homöopathie geht es darum, „Ähnliches mit Ähnlichem zu behandeln“. Dazu nimmt man eine schicke Substanz, die irgendwas auslösen soll, was den Symptomen des Patienten entspricht (und auch noch zum „gemüthlichen und geistige Charakter“ des Patienten passt), verdünnt das so lange, bis kein einziges Molekül der gewählten Substanz mehr da ist, schüttelt und klopft aber dabei dauernd "Informationen" in das Wasser rein. Was aber schon nur funktioniert, wenn man dabei gute Laune hat. (2) (Meinem Hund hab ich grade eine Antizeckentablette eingeschoben. Das böse Zeug vom Tierarzt mit B. Die wirkt übrigens auch, wenn ich dabei schlechte Laune habe - und die habe ich leider oft, wenn ich mich mit Schwurbel auseinandersetzen muss.)

Zum Schluss kann man dann das mit Wasser und Wasser verdünnte Wasser noch auf Zuckerkugeln geben und für teuer Geld als Globuli verkaufen - nachdem es verdunstet ist.

Zecke im Wasser. Rein zufällig.

Die Grundlage der Zeckenabwehr durch Homöpathie ist also schon mal, wer hätte es gedacht, Wasser. Da es aber nicht als Regen auf die Zecke fällt, sondern dummerweise den Umweg über den Körper des Hundes nehmen muss, weil es irgendjemand in welcher Darreichungsform auch immer, in den Hund gekippt hat, ist der Effekt naturbedingt: 0. In Worten: Null.

Wem zum Schutze vor Gehirnverspannung bis hier noch nicht die Sicherungen ausgelöst haben, für den hätte ich in Sachen Homöopathie an dieser Stelle gleich noch mehr Absurdität. Ich verlange euch jetzt ein echt schwieriges Gedankenexperiment ab! Nämlich... Nehmen wir einfach mal an (ja, ich weiß... echt schwer!), die Idee von Herrn Hahnemann würde klappen. (Nein, ich kapiere auch nicht, wie -zigtausend Homöpathie-Anhänger DAS schaffen.) Dann wollen wir ja Ähnliches mit Ähnlichem behandeln... aber wen behandeln wir dann eigentlich?

Welchen Organismus wollen wir beeinflussen, wenn wir von Zeckenabwehr sprechen? Richtig: die Zecke. Nicht den Hund! (3) Also selbst wenn wir der Homöopathie eine Wirkung unterstellen würden, dann behandeln wir den falschen Patienten, wenn wir die Globuli in den Hund und nicht in die
Zecke werfen! Oder wir nehmen anstatt Ledum D300 totgequetschte Zecken, verdünnen und verschütteln sie entsprechend, und wenn der Hund plötzlich rumläuft wie ein (leider sehr realer) schwedischer Geisterelch, ist das die Erstverschlimmerung?! Wir sollen ernsthaft nicht nur glauben, dass Homöopathie als solche wirkt, sondern dass sie auch noch ein Tier (den Hund)  stoffwechseltechnisch kompletto durchquert, den Weg nach außen ins
Fell findet, und dort am nächsten Tier wirkt?! Und das auch noch entgegen der Schnapsidee der homöpathischen Lehre? Ist ein bisschen viel verlangt, wie ich finde.

Und nun?

Warum trifft man immer wieder auf „Bei-uns-wirkts-aber“-Berichte? Tja... weil Zecken eben lebendig sind, und ihre Wirte halt auch. Manch einer schmeckt den Zecken besser als der bzw. die andere. Gehe ich mit dem Gatten Gassi, hab ich die Zecken, die Mückenstiche und alles andere, und er nicht.

Aber auch Zecken haben so ihre Päckchen zu tragen: Ihr Dasein besteht daraus, tagein tagaus auf einem Grashalm rauf und runter zu rennen. Rauf, um auf einen möglichen Wirt zu warten. Runter, weil Mimimi zu warm, Mimimi zu kalt, Mimimi zu nass, Mimimi zu trocken... Haben sie endlich mal etwas zu Futtern erwischt, fallen sie wieder runter und sind eine ganze Weile damit beschäftigt, ihre nächste Entwicklungsstufe hinzubekommen. Es gibt also tatsächlich mehr Möglichkeiten, sich KEINE Zecke einzufangen als dass man eine abbekommt, gemessen an der Anzahl Zecken, die auf uns und unsere Viecher lauern. Dazu sind die Nymphen-Stadien so winzig klein, dass ein Befall mit denen überhaupt nicht bemerkt wird. Krankheiten verbreiten die kleinen Drecksäcke trotzdem.

Jede Zecke ist eine zuviel. Und wer nun immer noch meint, die Böse_ChemieTM schadet dem Hund, tötet in Nullkommanix oder auch durch ominöse Spätfolgen..., der überlege doch mal ernsthaft: was ist das kleinere Übel? Jede von Zecken übertragene Krankheit bedarf in der Behandlung einer sehr viel größeren Menge an "böser Chemie" als in einem ganzen Hunde- oder Katzenleben durch die - wirksamen - Zeckenschutzmittel ankommt, die der Tierarzt / die Tierärztin bereithält.


(1) (Anm. Susannchen-Team) Oder anderswo auch in dieser Version zu lesen:
"Effektive Mikroorganismen lösen in Keramik eine Resonanzschwingung und Stoffwechselaktivität aus, die in jedem Milieu regenerative Prozesse verstärkt und degenerative Prozesse behindert." Soso.

(2) (Anm. Susannchen-Team) Das ist tatsächlich eine der Herstellungsvorgaben bei den "C4-Potenzlern". Bei dieser Spielart der Niedrigpotenz-Homöopathie wird nicht verschüttelt, sondern ausschließlich verrieben (trituriert), und zwar LANGE. Die Gemütsverfassung des Verreibenden soll dabei eine Art spirituelle Schau der "geistigen Arzneikraft" und ihres Wirkungsspektrums darstellen. Oder so... 

(3) (Anm. Susannchen-Team) Die gleiche Schräglage wie bei der unsäglichen Pflanzenhomöopathie gegen Schädlingsbefall übrigens. Das verschränkt sich dann auch noch mit dem Problem, dass es eine homöopathische Prophylaxe gar nicht geben kann - und dass die pure Absicht einer Zecke, dem Tier einen Besuch abzustatten, keine "Krankheit" ist und ganz sicher keine "Verstimmung der geistigen Lebenskraft". Auf so vielen Ebenen falsch...


 

Bilder von Erik Karits, mcstewartt, Gaby Stein, kropekk_pl, Meli1670 und Myriams-Fotos auf Pixabay

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