Springe zum Inhalt

Plazentaglobuli – im Ernst?

Susannchen Facepalm
Da kann das Susannchen sich nur noch an den Kopf fassen...

Liebe Leserinnen und Leser,

wir werfen einmal mehr einen Blick auf die Hebammenszene - nicht den Teil, den wir bewundern und schätzen, sondern den Teil, der leider sehr viel zu Fehlaufklärung junger Mütter und Familien beiträgt.

Zu solcher Fehlaufklärung gehört auch die "Werbung" für die Nutzung der Plazenta für "Gesundheitszwecke", insbesondere für die Herstellung individueller Globuli. Das ist leider völlig ernst gemeint und hat durchaus Stimmen im Chor des pseudomedizinischen Unsinns.

Wie dieser Artikel hier deutlich macht.

Produkte aus Plazentagewebe? Ja. Gibt es. Kann man sich sogar herstellen lassen. Wofür? Nun – eigentlich für so ziemlich alles, wie der verlinkte Beitrag ja ausführt. Plazenta C30 bei Keuchhusten? Kindesmisshandlung, finden wir, da uns gerade keine andere Bezeichnung einfällt. Natürlich gibt es keinerlei Evidenz für irgendeine Wirkung von Plazentagewebe, geschweige denn Plazentaglobuli. Das können wir schlicht festhalten – und daraus schließen, dass wir es hier ein weiteres Mal mit einem reinen Fantasieprodukt zu tun haben. Eher ein psychologisches Problem als eine medizinische Fragestellung.

Gehen wir aber ruhig noch auf die homöopathische Anwendung von Plazentagewebe ein. Mal ganz abgesehen vom Begriff der Nosoden (das sind ursprünglich homöopathische Mittel aus Krankheitserregern, heute allgemein ein Begriff für die Verwendung organischen Gewebes als Grundstoff) den Hahnemann gar nicht kannte. Man höre und staune – es gab und gibt tatsächlich homöopathische Arzneimittelprüfungen für diesen Stoff. Wie nicht anders zu erwarten, fallen diese weitgehend unterschiedlich aus, was ja in sich schon ein Beleg für die absolute Beliebigkeit der ganzen Sache ist.

Als Kostprobe hier nur einmal eine Charakterisierung aus einer Arzneimittelprüfung mit Plazenta, ein „Symptombild“, das ein (männlicher!) Prüfer berichtet hat:

Lösung aus der Sehnsucht nach der perfekten und idealen Harmonie mit den Eltern, mit dem Partner, mit der Freundin führt dann zu mehr Autonomiegefühl und zu einem Entschluß den eigenen Weg zu gehen."
"Findet die Lebens- und Arbeitsweise seiner Eltern im Gegensatz zu seinem Empfinden vor der Prüfung, als absolut nicht mehr nachahmenswert.“
Aha. Das ist also eine Symptombeschreibung, die als Grundlage einer Arzneimitteltherapie mit Plazentaglobuli dienen soll… Daraus wird dann für die Arzneimittellehre, also das Kompendium, in dem man das richtige Mittel für eine Patienten finden soll, Folgendes abgeleitet:
„Wirkungsbereich: Pflege, Ablösung, Kinder, Ohren, Hals, Larynx, Darm, Genitalien, Erschöpfung.
Gemüt/Lebenssituation: Kinder, die Fürsorge brauchen oder verlangen (...) bei überbehüteten Kindern (...). Massive Ärgerlichkeit, Wut und viel Streit mit der Mutter (...) Erschöpfung durch zu viel Fürsorge“.

Es ist haarsträubend, noch weitaus haarsträubender als bei der Homöopathie ohnehin schon. Zumal es hier ja gar nicht um Krankheitssymptome geht, die Hahnemann als Voraussetzung für eine Heilung der „verstimmten Lebenskraft“ des Erkrankten voraussetzte. Es ist doch eindeutig, dass hier „Befindlichkeiten“ beschrieben werden, die in Hahnemanns System gar nichts verloren haben. Sollte es wirklich möglich sein, dass Patienten, denen dies einmal komplett erläutert und erklärt wird, noch auf weitere Behandlung Wert legen? Aber man weiß ja nie.

Als Fazit können wir hier jedenfalls festhalten, dass Therapien mit Plazentagewebe, ob homöopathisch oder nicht, barer Unsinn, Fantasieprodukte ohne jede nachvollziehbare Grundlage sind. Und dass Menschen, die auch noch als Angehörige von Heilberufen so etwas propagieren, sich damit in hohem Maße disqualifizieren. Das Ganze ist einmal mehr Produkt einer Gedankenwelt, die die Natur völlig überhöht, sie allein mit den Attributen gut, sanft und natürlich identifiziert und ihr ein auf den Menschen und sein Wohlbefinden hin zentriertes Handeln unterstellt. Insgesamt betrachtet ist das Gegenteil der Fall – die Natur handelt keineswegs im Interesse der Spezies Mensch, das ist ihr gleichgültig. Man nennt diese Einschätzung den „naturalistischen Fehlschluss“ - der nur in einer im Grunde der wirklichen Natur fernen Umgebung so entstehen kann.
Das ist nicht Hebammenwissen, sondern Hebammenunwissen.

Und jetzt erfahren wir auch noch, dass durch das "Plazenta-Missverständnis" ein Baby schwer zu Schaden gekommen ist. Näheres in diesen Beitrag, bei dem uns die Haare zu Berge stehen - und der uns (leider) vollkommen bestätigt in dem, was wir oben ausgeführt haben.

%d Bloggern gefällt das: