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Zeckenschutz für unsere Tiere – aber richtig!

Sieht ja nett aus - aber das soll helfen... ?

 

Die Zeckenzeit naht – damit liegt das heutige Thema nahe: Die Zeckenprophylaxe. Große Popularität genießt das Bernsteinhalsband, dem Wunderkräfte bei der Zeckenabwehr zugesprochen werden. Jede Menge Google-Treffer propagieren Bernsteinhalsbänder als „natürlich und ohne Chemie“. Hmmm… wenn es wirkt, indem sich „ätherische Öle ungehindert freisetzen können“, was angeblich die Zecken in ihrem Wohlbefinden stört, ist das „ohne Chemie“… interessant.
Was ist denn nun von der Sache wirklich zu halten? Und wenn wir schon gerade dabei sind, werfen wir auch noch einen Blick auf das offenbar auch beliebte Schwarzkümmelöl.

Bernstein ...

Angeblich soll der Bernstein das Fell statisch aufladen, was auf eine nirgends so genau und erst recht nicht einheitlich beschriebene Art und Weise die Zecken daran hindern soll, sich festzubeißen. Hört sich erstmal gut an – dass sich Bernstein schnell durch Reiben statisch aufladen lässt, hat manch einer schon gehört. Bernstein ist dazu übrigens gar nicht nötig, die meisten Kunststoffe, z.B. Acryl (Plexiglas) leisten den gleichen Dienst.

Das Reiben tut erstmal nichts anderes, als einen Ladungsunterscheid zwischen dem reibenden (positiv) und dem geriebenen Material (negativ) zu erzeugen. Der Effekt ist bei kleinen Bernsteinstückchen aber nicht nennenswert und deshalb bei diesen auch als Echtheitsprüfung (wofür er ansonsten eingesetzt wird) ungeeignet. Wenn überhaupt, wäre ein Ladungsunterschied zwischen Fell und Bernstein minimal und auf die Berührungsstellen zwischen beiden beschränkt.

Aber einmal angenommen, die Versprechungen der Hersteller träfen zu und es entstünde tatsächlich eine nennenswerte statische Ladung des Fells. Nun, dann würde diese durch die Pfoten über den Boden ohnehin einfach wieder abgeleitet werden. Man nennt dies Erdung. Der Normalfall bei jeder Art alltäglicher statischer Aufladung. Oder ziehen die Tierhalter, die auf die Bernsteinhalsbänder schwören, ihren Lieblingen isolierendes Schuhwerk an?

Übrigens würde bei einer ausreichenden statischen Ladung ohne Erdung der Effekt auftreten, dass sich das Fell des Tieres sträubt – durch die Abstoßung der gleichnamig geladenen einzelnen Haare. So etwas kann man gelegentlich bei Kindern beobachten, die sich durch Spielen in und auf billigen Kunststoff-Zelten oder -planen ohne Erdung statisch aufladen. Bei Berührung mit dem Erdboden ist das aber gleich wieder vorbei.

Und wie bitte soll denn nun genau die Zecke durch die angebliche statische Ladung abgehalten werden? Hier hört man, die Zecke „möge“ die statische Ladung nicht (das sind wohl die Zecken, die in Physik nicht aufgepasst haben) – dort erfährt man, die Zecke werde ja durch ihre „andere Ladung“ elektrostatisch „abgestoßen“. Das ist grotesk. Woher sollte die Zecke wohl ihren (negativen) Ladungsunterschied zur (positiven) statischen Ladung des Fells nehmen? Selbst wenn - die Effekte wären ohnehin viel zu klein für eine reale Wirkung.

Bello findet: Was fürn Quatsch!

Die Sache mit den ätherischen Ölen ist noch einfacher zu erklären: Die Zecke verfügt über keinerlei Organe, mit denen sie solche Öle und ihre Ausdünstungen überhaupt wahrnehmen könnte. Die kleinen Tierchen sind so hochspezialisiert, dass sie nur Ammoniak und Buttersäure als Bestandteile des Schweißes von Lebewesen wahrnehmen können.

Da spielt die Frage, ob zwischen 300 und 50 Millionen Jahre alte Harzfossilien noch von sich aus ätherische Öle freisetzen können, eigentlich gar keine Rolle mehr. (Trotzdem eine Antwort: Bernstein enthält zwar für sich lösliche -nicht flüchtige, wie es für eine „Ausdünstung ätherischer Öle“ nötig wäre- Bestandteile, um Bernstein selbst aber anzulösen, sind schon Mittel wie Aceton oder Schwefelsäure nötig.) Verwundert es, dass es Wirksamkeitsstudien zu den Bernsteinhalsbändern schlicht nicht gibt?

Und nein – in Bernstein eingeschlossene Insekten sind nicht durch statische Anziehung dort hingekommen…

... und Schwarzkümmelöl

Leckerlis geben macht allen Spaß. Viele käufliche Leckerlis sind nichts anderes als Backwaren. Es gibt inzwischen eine Menge Backrezepte für Hundeplätzchen.

Aber man kann es auch übertreiben – schauen Sie sich nur diesen Artikel (Link) an.

Die eigentlich nette Idee, eine kleine Bäckerei zu einem Speziallädchen für Hundegebäck zu machen, wird durch eine völlig unreflektierte Aktion, bestehend aus einer Portion Unwissen, einer Prise Naivität, einem Löffel Selbstüberschätzung und einer Tasse Kann-nicht-wahr-sein leider entwertet und im Grunde lächerlich gemacht.

Man ist dort auf die Idee gekommen, für Hunde „Zeckenkekse“ zu produzieren und anzubieten. Nach fein ausgeklügeltem eigenen Hausrezept, sorgfältiger Dosierung der „Wirkstoffe“ und mit Verwendungsempfehlung! Ein pharmazeutisches Fachlabor im Bäckerladen? Daneben, möchte man sagen, und dann auch noch als Aufhänger für einen Presseartikel aufgegriffen. Es gibt nichts, was es nicht gibt. Einen Fachartikel in einem wissenschaftlichen Magazin wert wäre allerdings allein die Mitteilung, die Kekse würden „ganz ohne Chemie“ hergestellt. Wo jedermann an sich klar sein müsste, dass allein der Backvorgang selbst Chemie pur ist…

Machen wir es kurz: Das Zeug wirkt ebenso wenig gegen Zecken wie das berühmte Kokosöl oder die Bernsteinkettchen. Selbst wenn es durch die „Zeckenkekse“ zu einer nennenswerten Ausdünstung der ätherischen Bestandteile käme: Susannchen weiß längst, dass die Zecke überhaupt keine Organe hat, diese Ausdünstung überhaupt wahrzunehmen. Es kommt aber nicht zu einer solchen Ausdünstung beim fertigen Leckerli: das erledigt der Backofen vorher komplett und vermutlich rückstandsfrei. Mit Kümmel hat der Schwarzkümmel übrigens überhaupt nichts zu tun. Er gehört zur Familie der Hahnenfußgewächse und hat ein ganz anderes Aroma als der übliche Kümmel, nämlich ein wenig scharf-nussig. Die schwarzen, wie Sesam aussehenden Körnchen auf türkischem Fladenbrot sind Schwarzkümmelsamen.

Man könnte den Kopf schütteln und zur Tagesordnung übergehen. Aber was doch einigermaßen sprachlos macht, ist die völlige Kritiklosigkeit und Unwissenheit, mit der hier die „Zeckenkekse“, auch noch mit pseudowissenschaftlicher Genauigkeit bei Rezept und Herstellung, zum Geschäftsmodell und zum Gegenstand eines Presseartikels gemacht werden. Da würden wir uns schon etwas mehr Sachkunde und auch eine skeptische Herangehensweise wünschen.

Tja. Da ist der Hund zu Recht skeptisch und die Zecke freut sich.

Unser Fazit

Liebe TierfreundInnen, setzen Sie also bitte nicht das Bernsteinhalsband zur Zeckenprophylaxe ein. Der Preis für Illusionen von „keine Chemie“ und „natürlich“ kann unnötiges Leiden Ihres vierbeinigen Lieblings sein. Das immer wieder propagierte Schwarzkümmelöl ist zur Zeckenprophylaxe ebenfalls nicht geeignet, schon deshalb nicht, weil die Zecke es gar nicht wahrnehmen kann. Sprechen Sie mit dem Tierarzt Ihres Vertrauens über Zeckenprophylaxe auf vernünftiger wissenschaftlicher Grundlage. Bedenken Sie: Parasitenmittel aus pharmazeutischer Herstellung werden vor der Marktzulassung erforscht und stehen nach der Marktzulassung weiter unter Wirkungsbeobachtung – nicht viel anders als bei menschlichen Pharmazeutika auch.

Niemand will unsere tierischen Freunde „mit Chemie vollpumpen“, sie vergiften oder sie Allergien aussetzen. Den Forschern und Herstellern liegt genauso wie den verantwortungsbewussten Tierärzten das Wohl unserer Lieblinge am Herzen. Gerade in diesem Medizinzweig sind besonders viele persönlich motivierte Tierfreunde tätig. Und unsere kleinen und größeren Gefährten sind kein Experimentierobjekt, sondern Gegenstand unserer Verantwortung.


Bildnachweis: Fotolia_13292105_S

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