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Zum Weltpolio-Tag am 28. Oktober 2017

Der Polio-Tag am 28.10. eines jeden Jahres ist ein Tag der Erinnerung an die Zeiten, in denen die Kinderlähmung noch eine ganz konkrete Bedrohung, ein Gespenst für Eltern und Kinder war. Der Tag wurde gewählt zu Ehren von Jonas Salk, geboren am 28. Oktober 1914, dem Entwickler des ersten Polio-Impfstoffs. Das war ein Totimpfstoff, der per Injektion verabreicht wurde. Die spätere -als so angenehm empfundene- Schluckimpfung (Sabin-Methode), die bei der Einführung der Polioimpfung in Deutschland angewendet wurde, war dagegen ein Lebendimpfstoff, der damals noch deutlich höhere Komplikationsrisiken barg. Heute wird durchweg mit weiterentwickelten Totimpfstoffen gearbeitet.

Salk hat sich übrigens den Impfstoff niemals patentieren lassen und dementsprechend auch nicht das "große Geld" damit verdient. Auf die Frage, warum er dies nicht gemacht habe, soll er geantwortet haben: "Man kann ja auch nicht die Sonne patentieren".

Unser Beitrag aus Anlass dieses Tages ist ein sehr persönlicher Bericht, den wir hier veröffentlichen dürfen:

Ich bin 1953 geboren. Um mein Geburtsjahr herum gab es in der damaligen Bundesrepublik jedes Jahr so um die 10.000 Poliofälle. Ein Jahr zuvor -1952- ereignete sich in den USA eine Polio-Epidemie mit rund 60.000 Erkrankten, von denen etwa 3.000 starben und etwa 20.000 bleibende Lähmungen davontrugen. Polio war in den Köpfen der Eltern allgegenwärtig, als Schreckgespenst, vor dem es damals noch keinen Schutz gab. Auf den Straßen waren hier und da Kinder an Krücken kein so ungewöhnliches Bild. Schon im Kindergartenalter war mir irgendwie bewusst, dass hier etwas lauerte, was uns alle jederzeit hätte betreffen können. Jeder Infekt, jede Erkältung stand im potenziellen Verdacht, es könne sich auch um Polio handeln. 

Und wirklich kam ich selbst bald in Berührung mit dieser fürchterlichen Krankheit.  Der Kindergarten wurde -für uns unverständlich- plötzlich für eine Weile geschlossen. Ich weiß heute, dass unsere Eltern damals vor Sorge fast verrückt geworden sind. Irgendwann erfuhr ich dann, dass ein kleiner Freund von mir an Kinderlähmung erkrankt war.

Im zweiten Schuljahr sah ich ihn wieder. Die Freude war groß, obwohl er an einem speziellen Stock ging und sich nur mühsam vorwärts bewegen konnte. Wir sind über die Jahre Freunde geblieben, wenn wir uns auch zwischendurch oft länger nicht gesehen haben. Ich weiß von ihm und seiner Familie, dass das tägliche Leben für ihn sehr mühsam war. Seine Beschwerden nahmen über die Jahre immer mehr zu, sein Herz war auch geschädigt durch die Krankheit. Vor drei Jahren standen wir an seinem Grab. Mit 61 Jahren war er verstorben, letzten Endes hat ihn die Polioinfektion ohne Zweifel etliche Lebensjahre und die Erfahrung eines unbeschwerten Lebens gekostet.

In diesem zweiten Schuljahr -1961- gab es einen zweiten Poliofall in meiner Umgebung: Den Sohn eines Arbeitskollegen meines Vaters, den ich auch gut kannte. Räumlich weiter entfernt, er war nicht auf meiner Schule. Was die Anteilnahme nicht geringer machte.

Er kam in die Eiserne Lunge. Mein Vater berichtete eines Tages am Abendbrottisch, er habe von seinem Kollegen gehört, dass der Junge sich so sehr Besuch wünsche. Ich war sofort dabei, meine Mutter dagegen war entsetzt. War so ein Besuch überhaupt möglich? Ja, war er, unter Vorsichtsmaßnahmen. Für einen solchen Besuch gab es im Klinikum einen gesonderten Raum und besondere Hygienemaßnahmen. An sich ist es aber so, dass etwa sechs Wochen nach der Infektion keine Ansteckungsgefahr mehr vom Erkrankten ausgeht. 

Der Besuch bei meinem kleinen Freund war wohl das erschütterndste Erlebnis meiner ganzen Kindheit. Wir hatten ihm ein Päckchen seiner geliebten Micky-Maus-Hefte mitgebracht, die er mit einer Lesehilfe wie der oben im Bild anschauen konnte. Am deutlichsten ist mir in Erinnerung, dass er die ganze Zeit, in der wir da waren, nur schluchzte. Es war herzzerreißend, niemals werde ich das vergessen. Gut einen Monat nach unserem Besuch starb er. 

Wenn ich heute unser Universitätsklinikum aufsuche, werde ich immer drastisch an diese Dinge erinnert: Im Foyer steht eine der alten Eisernen Lungen, als Mahnung an die früheren Zeiten. Leider viel zu wenig beachtet, von vielen wohl auch gar nicht erkannt.

Dann kam die Polioimpfung, 1962. Damals noch mit Lebendimpfstoffen, die ein durchaus höheres Risiko mit sich brachten als die heute verwendeten Tot-Kombiimpfstoffe. Aber wen störte das? Ich habe damals die geradezu erlösende Stimmung, die der Aufruf zur Polioimpfung mit sich brachte, deutlich empfunden. Und Schluckimpfung? Wie toll war das denn? 

Später im Leben sollte ich dann noch einmal mit der Krankheit in Berührung kommen. Ein sehr geschätzer Chef von mir hatte im Kindesalter eine Hüftlähmung davongetragen, die ihm nur mühsam eine Fortbewegung ermöglichte. Dabei war er immer guter Dinge und einer der gütigsten Menschen, die ich je erlebt habe. Er wurde dann sogar mein Trauzeuge. Auch er hatte viel von seiner Lebensqualität eingebüßt und ist viel zu früh verstorben.

Niemandem wünsche ich diese Erinnerungen, aber manchmal denke ich, es wäre schon gut, wenn etwas davon im Bewusstsein der Menschen vorhanden wäre, die heute den Impfungen so geringschätzig oder gar ablehnend gegenüberstehen.

 

Höchst eindrucksvoll ist in dieser animierten Grafik zu sehen, wie sich das Auftreten von Polioinfektionen zwischen 1980 und 2016 -also in einem gar nicht mal so übermäßig langen Zeitraum- mit Einführung der Flächenimpfung in vielen Ländern schlagartig verringerte und welcher enorme Stand heute erreicht ist:

Teile von Indien (das lange ein Problemkandidat war, man sieht das deutlich in der Animation) und Pakistan sowie einzelne Gebiete in Westafrika sind noch nicht infektionsfrei. Die Weltgesundheitsorganisation ist dort aber tätig, um auch dort zu einem Ende der Infektionsausbreitung zu kommen.

Aktuell ist leider wieder ein Gebiet gefährdet, in dem die Krankheit eigentlich auch schon vergessen war: Der Jemen. Durch die dortigen Kriegswirren sind die Bedingungen für ein Einschleppen von Infektionen günstig wie lange nicht. So leidet die Bevölkerung unter anderem immer wieder unter epidemischen Schüben von Cholera. Die WHO hat deshalb zusammen mit der Weltbank und der Kinderhilfsorganisation UNICEF eine Impfaktion gegen Polio gestartet, um eine Grundimmunisierung zu erreichen. Fünf Millionen Kinder sollen damit erfasst werden. So bringt der Krieg nicht nur Tod und Zerstörung durch Kampfhandlungen, sondern auch durch Hunger und Krankheit. Es ist ein Trauerspiel allerersten Ranges.

Der gleichwohl beinahe gewonnene Kampf gegen Polio soll uns an die Bedeutung und die Errungenschaft des Impfens erinnern. Das sollte uns ein Ansporn sein, auch andere gut impfpräventable Krankheiten zum Verschwinden zu bringen. Dabei stehen die Masern zweifellos im Vordergrund, mit vielen Todesfällen und schwerkranken Kindern weltweit. Bitte tragen auch Sie, liebe Leserinnen und Leser, liebe Eltern, den Impfgedanken weiter!

 

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